Die Nachricht trifft die Branche wenige Tage vor der Spielwarenmesse mit voller Wucht: ROFU Kinderland, mit über 100 Filialen einer der größten Spielwarenhändler Deutschlands, hat beim Amtsgericht Idar-Oberstein Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Der Geschäftsbetrieb läuft zunächst weiter – sowohl stationär als auch online. Rund 1.970 Mitarbeitende sind betroffen.
Die Gehälter sind für drei Monate über das Insolvenzgeld gesichert. Die Geschäftsführung bleibt im Amt, wird jedoch durch Sanierungsexperten Marcus Katholing (PLUTA) und Daniela Jeske unterstützt. Als vorläufige Sachwalterin wurde Annemarie Dhonau LL.M. (Schiebe und Collegen) bestellt.
Gründe: schwaches Weihnachtsgeschäft, gestiegene Kosten, Kaufzurückhaltung, intensiver Wettbewerb. So weit, so erwartbar – leider.
Ein Wendepunkt, der sich abzeichnete – und übersehen wurde, denn was heute als „plötzliche“ Insolvenzmeldung erscheint, zeichnete sich schon im Dezember ab. Damals – mitten im Weihnachtsgeschäft – gab ROFU öffentlich eine umfassende strategische Neuausrichtung bekannt: neue Führungsstruktur, Rückzug von Langzeit-Geschäftsführer Frank Schröder, Fokus auf stationären Handel, Omnichannel-Ausbau, Optimierung der Prozesse. Was wie ein Zukunftsplan klang, war in Wahrheit bereits ein Krisenmanagement im Tarnmodus.
Strukturelle Probleme des stationären Einzelhandels
Der stationäre Spielwarenhandel steht unter Druck – ROFU ist kein Einzelfall, sondern ein Symbol für die strukturelle Schieflage vieler stationärer Anbieter. Wer jetzt nur auf ROFU blickt, übersieht die Gesamtlage:
· Das Weihnachtsgeschäft, lange als Rettungsanker des Jahres betrachtet, funktioniert nicht mehr zuverlässig.
· Die Inflation wirkt psychologisch und real – bei Kundinnen wie auch in der Logistik.
· Margendruck durch hohe Kosten bei gleichzeitig stagnierender Nachfrage.
· Der Wettbewerb verlagert sich zunehmend auf Plattformen – nicht nur Amazon.
ROFU hat viele Hausaufgaben gemacht – und dennoch nicht genug. Das zeigt: Die klassischen Rezepte – mehr Fläche, mehr Sortiment, mehr Werbedruck – greifen nicht mehr.
Diese Insolvenz muss ein Weckruf sein. Für Marken. Für Lieferanten. Für Verbände. Für den Handel selbst. Die Fragen lauten nicht mehr: Wie viel Prozent Online-Anteil ist vertretbar? oder Wann zieht das Geschäft wieder an?
Die Fragen müssen jetzt lauten:
· Wie wird Spielzeughandel in fünf Jahren aussehen?
· Was erwarten Kinder, Eltern und Händler heute von einer Marke?
· Welche Partnerschaften tragen noch – und welche nicht mehr?
ROFU ist gefallen – aber noch nicht verloren. Die Eigenverwaltung bietet Chancen. Doch sie verlangt auch Transparenz, neue Denkweisen und mutige Entscheidungen. ROFU hat sich – aus Sicht vieler – zu spät und nicht konsequent genug auf diese Realität eingestellt. Die Insolvenz von ROFU ist mehr als eine Unternehmensnachricht. Sie ist ein Spiegel für den Wandel, der die Spielwarenbranche – und den stationären Handel – erfasst hat.
Was nun wichtig ist: Konsequenzen ziehen, nicht zur Tagesordnung übergehen. Die Insolvenz ist ein Weckruf. Für Marken, Lieferanten, Handelszentralen – und für jeden stationären Fachhändler. Jetzt geht es nicht mehr um kosmetische Veränderungen oder Marketingfloskeln, sondern um tiefgreifende strategische Entscheidungen:
· Wie lässt sich stationäre Präsenz wirtschaftlich und emotional sinnvoll neu positionieren?
· Wie sieht echte Omnichannel-Verzahnung aus – nicht nur als Schlagwort?
· Welche Partnerschaften tragen in der Krise wirklich?
Fazit: Die Zeit der Schönwetter-Konzepte ist vorbei.
BRANDORA versteht sich als Plattform, die Entwicklungen nicht nur abbildet, sondern auch einordnet. Wir begleiten die Branche durch Transformation – mit kritischem Blick und dem Anspruch, Orientierung zu geben.