Kann das mit Galeria noch etwas werden? Nach dem vierten Insolvenzantrag innerhalb von sechs Jahren ist diese Frage berechtigt. Das inzwischen zugesagte Insolvenzgeld ermöglicht zunächst die Fortführung des Geschäftsbetriebs im wichtigen Weihnachtsgeschäft. Das war für mich zu erwarten. Für die Beschäftigten ist das erst einmal eine sehr gute Nachricht. Ein tragfähiges Geschäftsmodell entsteht daraus allerdings noch lange nicht.
Meine Einschätzung: Für ausgewählte Warenhäuser gibt es durchaus eine gute Perspektive. Eine vollständige Schließung auf Raten ist kein zwangsläufiges Schicksal. Aber wer eine Zukunft für Galeria schaffen will, muss sich von der Vorstellung verabschieden, nach jedem finanziellen Neustart könne der bisherige Betrieb weitgehend weiterlaufen wie gehabt. Das funktioniert nicht.
Das klassische Warenhaus lebt von einem Versprechen: viele Sortimente, viele Marken, alles unter einem Dach. Dieses Versprechen reicht heute als Kaufgrund kaum noch aus. Auswahl bietet das Internet. Preisvorteile bieten Discounter und spezialisierte Anbieter. Beratung beansprucht der Fachhandel. Galeria muss deshalb eine einfache Frage beantworten: Warum sollte ein Kunde gerade hier einkaufen?
Welche Zielgruppen und welche Sortimente werden kommen?
„Weil das Kaufhaus schon immer da war“ ist darauf keine wirtschaftlich belastbare Antwort. Auch die Bedeutung für eine Innenstadt ersetzt keine Nachfrage an der Kasse. Und diese Nachfrage kann man halt nicht herbeisanieren.
Die bisherigen Einschnitte waren für viele Beschäftigte hart. Dennoch ist zwischen einem harten finanziellen Schnitt und einer überzeugenden strategischen Veränderung zu unterscheiden. Weniger Schulden, niedrigere Mieten und weniger Filialen können kurzfristig Luft verschaffen. Sie beantworten aber nicht, welche Zielgruppen künftig kommen sollen, welche Sortimente sie begeistern und womit dauerhaft Geld verdient wird.
Qualität der Auswahl und der Beratung wird entscheidend
Der mögliche Silberstreif liegt deshalb in einem kleineren, klarer profilierten Galeria. Jeder Standort müsste sich mit realistischen Umsätzen, dauerhaft tragbaren Kosten und einem finanzierten Investitionsbedarf rechnen. Dabei wäre auch zu prüfen, ob ein Warenhaus tatsächlich das gesamte bisherige Gebäude benötigt. Weniger Handelsfläche und ergänzende Nutzungen können sinnvoller sein als schwach genutzte Etagen.
Auf der verbleibenden Fläche braucht es erkennbare Stärken. Je nach Standort könnten das beispielsweise Beauty, ausgewählte Mode, Wohnen oder ein gut kuratiertes Angebot für Familien sein. Entscheidend ist die Qualität der Auswahl und der Beratung. Eine Spielwarenabteilung gewinnt ihren Wert nicht allein durch möglichst viele Artikel, sondern durch Orientierung, Vorführungen, Geschenkberatung und Angebote, die zum lokalen Publikum passen.
Für Markenhersteller könnte ein solches Warenhaus ein interessanter Partner sein: ein Ort, an dem Produkte erklärt, ausprobiert und inszeniert werden. Partnerschaftsmodelle oder von Marken betriebene Flächen wären mögliche Bausteine. Sie tragen jedoch nur, wenn genügend Kunden kommen und die wirtschaftlichen Interessen beider Seiten zusammenpassen. Neue Ladeneinbauten allein schaffen noch keine Frequenz.
Gibt es einen Silberstreif?
Ebenso wichtig wäre endlich ein Eigentümer, der die Erneuerung über mehrere Jahre finanzieren kann mit Mitteln von außen und versierte Handelskompetenz mitbringt. Dazu gehören klare Verantwortlichkeiten, moderne Unternehmensführung und die Bereitschaft, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen. Die Hoffnung auf den nächsten Retter ersetzt diese Voraussetzungen nicht.
Für die Innenstädte ist Zeitgewinn wertvoll, wenn sie genutzt wird. Wo ein Warenhaus wirtschaftlich tragfähig werden kann, lohnt sich ein Neustart. Wo das nicht gelingt, sollten Nachnutzungen früh vorbereitet werden. Bisherige Nachnutzungen waren wenn überhaupt dann nur nach einigen Jahren umsetzbar. Eine belebte Innenstadt kann künftig auch durch eine Mischung aus Handel, Gastronomie, Dienstleistungen, Bildung und Wohnen entstehen.
Kann Galeria also noch etwas werden? Ja, unter anspruchsvollen Bedingungen. Es braucht konkrete Kaufgründe für die Kundschaft, tragfähige Standorte und Kapital für die Umsetzung.
Das Insolvenzgeld kauft nur Zeit. Ob daraus Zukunft wird, entscheidet sich daran, was Galeria mit dieser kurzen Zeit anfängt.
