Funtails wurde 2019 von leidenschaftlichen Brettspielfans
gegründet – die allerdings damals schon über reichlich professionelle Expertise
verfügten. „Glen More II: Chronicles“ war direkt ein Hit. Mittlerweile hat der
Verlag seinen festen Platz in der obersten Garde der deutschen
Brettspielverlage sicher. Steffen Rühl, der Funtails gemeinsam mit Andreas
Geiermann führt, berichtet im BRANDORA-Interview über Spezialisierung,
Vertriebswege und Finanzierung. Außerdem gibt Rühl einen Ausblick auf künftige
Vorhaben.
Vor der Gründung von Funtails haben verschiedene
Teammitglieder mindestens semiprofessionelle Erfahrungen in unterschiedlichen Spiel-Sektoren
gesammelt – zum Beispiel in der Videospiel-Entwicklung, im Live-Rollenspiel
oder mit TGCs. Findet man heute Ansätze aus all diesen Genres in den
Funtails-Releases?
Absolut. Die interdisziplinäre DNA unseres Teams bildet das
Fundament für die Qualität unserer Spiele. Unser Redakteur Dr. Hans Höh bringt
als ehemaliger TCG-Weltmeister eine analytische Tiefe ein, die ein mathematisch
präzises Balancing ermöglicht. Gleichzeitig profitieren wir in der
Produktentwicklung massiv von Strukturen der Videospielbranche, insbesondere im
Bereich der Prozessabläufe und der Benutzerführung. Meine eigene Historie –
etwa die Beteiligung am Kult-Rollenspiel Gothic oder die Gründung der Drachenschmiede
– fließt aktuell in unser bislang ambitioniertestes Projekt ein: Ein
umfangreiches, App-gestütztes Brett-Rollenspiel. Hier verschmelzen unsere
Erfahrungen aus World-Building, narrativer Tiefe und moderner Technologie zu
einem völlig neuen Erlebnis.
Ausschlaggebend für die Verlagsgründung war sicherlich
die Entwicklung von „Glen More II: Chronicles“. Ist dies bis heute euer
wichtigstes Spiel?
„Glen More II: Chronicles“ war unser Katapultstart und wird
immer einen zentralen Platz in der Historie von Funtails einnehmen. Es hat
nicht nur unsere Philosophie der „Chronicles“ etabliert, sondern den Verlag
auch international unmittelbar erfolgreich positioniert. Wir sind sehr stolz
darauf, die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Autor Matthias Cramer aktuell
an einem neuen Projekt fortzusetzen. Unser Ziel ist es definitiv, diese Marke
und die damit verbundene Spieltiefe in der Zukunft weiterzuführen und
auszubauen.
Mittlerweile kann man sagen, dass sich ein Schwerpunkt im
Bereich Deduktionsspiele herausgebildet hat. War das eine bewusste
Entscheidung?
Ja, das war eine bewusste strategische Entscheidung. Durch
die enge redaktionelle Zusammenarbeit mit spezialisierten Autorenteams und
Scouts haben wir diesen Schwerpunkt gezielt forciert. Die besondere Expertise
in diesem Bereich erlaubt es uns, die hohen mechanischen und psychologischen
Anforderungen dieses Genres perfekt zu bedienen und uns so eine klare Identität
im Markt zu verschaffen.
Auffällig ist die liebevolle Gestaltung der
Funtails-Produkte – man denke an das wunderschöne Cover von „Glen More II“ oder
die Deluxe-Version von „Dark Romance“ im Stil eines altertümlichen Buches. Wie
wichtig sind euch Optik und Gestaltung?
Wir verfolgen die Vision, Spiele mit einer starken
emotionalen und haptischen Präsenz zu schaffen. Wenn ein Kunde ein Spiel in den
Händen hält, über die Packung streicht und spürt, dass dieser Titel einen
bleibenden Platz im Regal verdient, haben wir unser Ziel erreicht. Dennoch gilt
bei uns: Ästhetik darf niemals ein Substitut für spielerische Substanz sein.
Wir suchen keine „Blender“. Ein echtes Funtails-Produkt definiert sich durch
die Symbiose aus exzellentem Gameplay und einer handwerklich wie künstlerisch
herausragenden Gestaltung.
Stichwort Vertrieb: Hier habt ihr euch für eine
Kooperation mit einem größeren Verlag entschieden. War diese Kooperation ein
Gamechanger für Funtails?
Die Partnerschaft mit Hutter Trade war in der Tat ein
strategischer Meilenstein. Sie erlaubt es uns, die komplexen Logistik- und
Vertriebsprozesse in erfahrene Hände zu geben und uns wieder voll auf unsere
Kernkompetenzen – die Produktentwicklung und Redaktion – zu konzentrieren.
Insbesondere durch den erfahrenen internationalen Vertrieb profitieren wir
massiv von der Reichweite und Professionalität unseres Partners.
2016 haben die beiden Funtails-Geschäftsführer den
Podcast „Die Würfelwerfer“ aus der Taufe gehoben. Haben das Netzwerk und die
Reichweite, die über den Podcast generiert wurden, bei der Gründung und
Entwicklung des Verlags geholfen?
Wir haben uns sehr früh dazu entschieden, „Die Würfelwerfer“
nicht als Werbekanal für Funtails zu instrumentalisieren. Uns war es wichtig,
den Hörern eine neutrale Berichterstattung zu garantieren und die
journalistische Integrität zu bewahren. Daher spielte der Podcast für die
wirtschaftliche Entwicklung des Verlags keine direkte Rolle – er bleibt für uns
ein wichtiges Medium für den allgemeinen Austausch innerhalb der
Brettspiel-Community.
Insbesondere bei den ersten Releases war Kickstarter
offenbar ein wichtiger Faktor für eure Entwicklungen. Setzt ihr weiterhin auf
Crowdfunding oder wollt ihr die Finanzierung mittelfristig anders gestalten?
Crowdfunding war der Geburtshelfer von Funtails. Plattformen
wie Kickstarter erfordern ein enormes Maß an Vorbereitung und Fokus auf das
Marketing – das hat uns in der Anfangszeit geholfen, unsere Projekte absolut
präzise auf den Punkt abzuliefern. Wir verdanken dem Crowdfunding unsere
Existenz. Heute sind wir jedoch in der glücklichen Lage, nicht mehr von dieser
Finanzierungsform abhängig zu sein. Wir nutzen Crowdfunding nun sehr gezielt
und bewusst für Projekte, bei denen die direkte Einbindung der Community einen
echten Mehrwert für das fertige Produkt bietet.
Mit Verweis auf die Videospiel-Indieszene der frühen
2000er Jahre ist auf eurer Website von verschobenen Grenzen und
Genrekonventionen die Rede und dass auch Brettspiele diesen Sprung schaffen
können. Was genau ist damit gemeint? Was wird uns in dieser Richtung aus dem
Hause Funtails noch erwarten?