Vorsicht, freilaufende Copycat! Wie Plagiate auf dem Spielwarenmarkt wildern

15.1.2026
Spielwaren
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Es wird vielleicht noch ein bisschen schlimmer, bevor es besser wird. Fast 10 Prozent Umsatz büßt die europäische Spielwaren-Branche jährlich durch Plagiate ein. Auf Deutschland entfällt ein großer Teil. Asiatische Billig-Händler fluten ungebremst den Markt. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer aus der Gesetzgebung. Bis Effekte spürbar werden, muss sich die hiesige Branche organisieren, konsequent bleiben und sich auf ihre Stärken konzentrieren.

Man hätte stutzig werden können ob der fehlenden „Bapperl“: Kein Spiel des Jahres, kein Deutscher Spielepreis, kein As D’or. Die englische Sprachausgabe war eine leicht zu schluckende Kröte – vor allem angesichts von 50 Prozent unter UVP. Die Regeln kannte man schließlich ohnehin ganz genau. Bei Eingang kam dann aber doch die Ernüchterung. Statt der hochwertigen Spielebox, die man von Asmodee seit jeher gewohnt ist, hielt man da eine kraftlose Pappe in der Hand, in der man kaum freiwillig seine überschüssigen Schrauben aufbewahren würde. Die mickrigen Spielsteine und die gesamte Haptik des Inhalts machten es nicht besser. Es zeigte sich: Auch in renommierten Fachverlagen ist man vor üblen Plagiaten nicht vollständig gefeit. Aber seien Sie unbesorgt: Unsere Kollegin bekam zum Geburtstag ein echtes Exemplar von „Azul“.

Diese persönliche Anekdote lässt sich noch recht launig erzählen. Schließlich wurde die Fälschung hier aufgedeckt und niemand kam letztlich zu ernsthaftem Schaden – weder finanziell noch gesundheitlich. Im großen Maßstab sind Plagiate nach wie vor ein riesiges Problem für die Spielwarenindustrie.

Fast jede fünfte Fälschung ist Spielware

Branchenspezifische Zahlen zu finden, ist schwierig. Die aktuellsten stammen aus einer Studie des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO), in der zwischen 2018 und 2021 Daten gesammelt wurden. Demnach erlitt die Spielwarenbranche in der EU jährlich Umsatzverluste von 1 Milliarden Euro, was 8,7 Prozent des Umsatzes entsprach. Auf die deutsche Spielwarenindustrie entfiel ein Drittel der Gesamtverluste. Ruft man sich vor Augen, dass so manches Unternehmen in den vergangenen Jahren Arbeitsplätze abbauen musste, sind diese Zahlen durchaus dramatisch.

Der Spielwaren-Sektor ist eine der am meisten anfälligen Branchen für Raubkopien. Dies zeigt eine aktuellere Erhebung derselben Behörde: Von den 112 Millionen Fälschungen im Wert von 3,8 Milliarden Euro, die im Jahr 2024 beschlagnahmt wurden, entfallen 17,89 Prozent auf die Spielware.

Der Image-Schaden, der zudem durch minderwertige Copycats entsteht, ist dabei noch nicht einmal mit eingerechnet. Ganz zu schweigen vom Thema Sicherheit. Der eingesparte Preis – 50 Prozent des Originalpreises scheint eine Benchmark und begegnet einem bei der Recherche auffallend häufig – macht sich eben in der Regel bei der Qualität bemerkbar. Und so werden schädliche Materialien verwendet, diese werden schlampig verarbeitet und so brechen regelmäßig Teile ab und es entstehen zusätzlich zu den sonstigen Risiken noch scharfe Kanten, die extrem gefährdend sind.

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Asiatische Billig-Plattformen sind die Treiber

Die Feststellung ist alles andere als originell, was sie aber nicht weniger richtig macht: Im großen Stil werden die Plagiate weder im stationären Fachhandel noch in den Online-Shops der Hersteller vertrieben. Die entscheidenden Treiber sind und bleiben außereuropäische Billig-Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress.

„Sie locken Verbraucher mit unlauteren Dumpingpreisen, manipulativem Design und aggressiver Werbung“, bilanziert Christine Lacroix von der Aktion Plagiarius e.V. Der Verein kürt jährlich die Händler und Hersteller der dreisteten Nachahmungen mit dem gleichnamigen Negativpreis und setzt sich gegen unlautere Geschäftspraktiken von Plagiatoren ein.

„Während europäische Hersteller und Händler regelmäßig hinsichtlich der Einhaltung der strengen EU-Sicherheits- und Umweltstandards kontrolliert werden, überfluten Händler und Plattformbetreiber aus Drittstaaten den europäischen Markt mit oftmals ungeprüften, falsch deklarierten und nicht EU-konformen Billigartikeln. Darunter auch Plagiate und Fälschungen“, so Lacroix weiter.

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EU endlich mit dem großen Wurf?

Lange erschien die Situation ausweglos. Gegen die Übermacht von Temu und Co. war kein Kraut gewachsen. Zu erdrückend die schiere Gewalt durch Masse, zu groß die Kundenakzeptanz, zu aufwendig eine etwaige zollpolitische Reaktion seitens der EU. Ein Kampf gegen Windmühlen? Zum Gamechanger könnte hier der jüngste Beschluss der EU-Finanzminister werden, laut dem die Zollgrenze für Pakete mit unter 150 Euro Warenwert fallen wird. Ein Schritt, der längst überfällig erscheint angesichts der absurden Menge solcher Importe. So wurden im Jahr 2024 nach EU-Angaben rund 4,6 Milliarden Pakete mit geringem Wert importiert, die meisten davon aus Drittstaaten. Statistisch gesehen importierte jährlich also jeder EU-Bürger gut zehn Pakete – ohne dass diese irgendeiner Form von Zollkontrolle unterlegen hätten. Von fairem Wettbewerb kann in Kombination mit dem aggressiven Plagiarismus keine Rede sein.

Natürlich steht die EU hier vor einem Umsetzungsproblem. Den Beschluss auf die Straße zu bringen, wird organisatorisch und personell eine Mammut-Aufgabe. Quasi um die Wartezeit zu überbrücken, wird es ab dem 1. Juli 2026 einen festen Zollsatz von 3 Euro pro Paket geben. Immerhin ein Anfang – nicht weniger aber auch nicht mehr.

Für die Spielwaren-Unternehmen auf dem deutschsprachigen Markt bedeutet dies bis auf weiteres: durchhalten! Wer sich nicht aus der Ruhe bringen lässt und sich auf seine Stärken besinnt, der wird am besten fahren. Denn je höher der Qualitätsstandard, desto schwerer die Imitation. Zudem täte die Branche gut daran, sich im Kampf gegen die Billig-Imitate zu organisieren und an einem Strang zu ziehen. Auch lohnt es sich nach wie vor, jedes offensichtliche Plagiat konsequent zur Anzeige zu bringen.

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Fälschern konsequent das Handwerk legen

Das Traditionsunternehmen BRUDER Spielwaren hat seit den 60er Jahren mit Plagiaten zu tun. Damals brachte ein Wettbewerber ein identisches Modell einer selbstentwickelten Knallpistole in den Verkauf. BRUDER steht seit jeher für hochwertige Spielfahrzeuge und schützt seine technischen Entwicklungen und Designs durch Geschmacksmuster und Patente, was sich nun in Zeiten der Plagiatsflut durch den Online-Handel auszahlt. Der Schmähpreis der Aktion Plagiarius wurde bereits acht Mal an Fälschungen von BRUDER-Produkten vergeben. Zuletzt wurde 2025 ein Bagger gekürt, der fast genauso viel kostete wie das Original, aber deutlich kleiner war. Das Plagiat wurde mittlerweile aus dem Handel entfernt.

BRUDER ist weiter im Austausch mit dem Verein. „Durch die Beteiligung an der Plagiarius-Auszeichnung ist es unser Ziel, Verbraucher zu sensibilisieren, beim Kauf von Spielwaren auf Qualität zu achten und durch konsequentes Handeln Fälschern, die sich die Investitionen in Entwicklung, Forschung und Produktsicherheit sparen, das Handwerk zu legen“, erklärt Geschäftsführer Paul Heinz Bruder.

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