Zusätzlicher Finanzierungsrahmen von bis zu 900 Millionen Euro erforderlich
Der Vorstand der Arcandor AG hat gestern dem Aufsichtsrat ein weit reichendes Konsolidierungsprogramm vorgestellt. Ziel des Programms ist es, den Cash Flow des Konzerns nachhaltig zu verbessern. Arcandor wird damit künftig in allen drei Kerngeschäftsbereichen positive Cash Flows und Ergebnisse erwirtschaften. In den vergangenen Jahren habe der Konzern einen hohen negativen Free Cash Flow ausgewiesen, erklärte Dr. Karl-Gerhard Eick, Vorstandsvorsitzender der Arcandor AG.
Deshalb seien nachhaltige Maßnahmen zur Gesundung des Konzerns erforderlich. Für die Umsetzung der Restrukturierungsmaßnahmen benötigt Arcandor einen zusätzlichen Finanzierungsrahmen von bis zu 900 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Im Rahmen der anstehenden Konsolidierung wird sich der Konzern künftig auf die profitablen Kernbereiche von Primondo und Karstadt konzentrieren und den konsequenten Wachstumskurs von Thomas Cook als Teil des Gesamtkonzerns fortsetzen. Die Beschaffung wird zukünftig zentral in einer Querschnittseinheit geführt und von der Sortimentsverantwortung der Markengesellschaften getrennt. Dadurch sollen sowohl weitere Synergien gehoben als auch eine stärkere Kundenorientierung in der Sortimentsgestaltung vorangetrieben werden. Geschäfte, die nicht mehr zum Kerngeschäft gehören oder sanierungsbedürftig sind, werden in einer eigenen Arcandor-Querschnittsverantwortung mit Namen ATRYS individuell weiterentwickelt. Die operative und disziplinarische Führung verbleibt dabei in den jeweiligen Handelssegmenten. Mit der gemeinsamen Beschaffung, der Weiterentwicklung der Nicht-Kerngeschäfte und einer signifikanten Verbesserung des operativen Geschäfts stellt Arcandor die Weichen für die nachhaltige Profitabilität aller Geschäftsbereiche und schafft damit die Voraussetzung für die erfolgreiche weitere Finanzierung des Konzerns.
Konzentration auf die profitablen Kerngeschäfte
Das Kerngeschäft von Primondo besteht in Zukunft aus dem E-Commerce- und dem Kataloggeschäft von Quelle in Deutschland und im Ausland, dem Homeshopping-Spezialisten HSE24 sowie den bestehenden Spezialversendern. Im Versandhandel wird Primondo die Potenziale der Krise als Chance konsequent für sich nutzen: Quelle wächst als Nummer drei der deutschen Online-Shops seit Jahren deutlich schneller als der Wettbewerb und wird diese Position ausbauen. 50 Prozent aller Neukunden sind bereits heute reine Internet-Kunden. Quelle will im Geschäftsjahr 2010/11 im Internet genauso viel Umsatz machen wie mit dem Katalog.
Das Kerngeschäft von Karstadt besteht künftig aus 81 Karstadt-Filialen sowie 27 Karstadt Sports-Filialen. Das Warenhaus wird das Potenzial seiner hervorragenden Innenstadt-Lagen nutzen, um auch in der Krise Kunden aus der profilierten Mitte der Gesellschaft für sich zu gewinnen. Dabei will sich Karstadt mit seinem attraktiven Sortiment, hoher Kundenorientierung und einem überzeugenden Preis-Leistungs-Verhältnis im Wettbewerb behaupten.
Dr. Karl-Gerhard Eick: "Das Kerngeschäft von Primondo und Karstadt weist gemeinsam und basierend auf den aktuellen Zahlen ab dem ersten Tag einen positiven Cash Flow auf. Unser mittelfristiges Ziel für Primondo ist eine angestrebte EBITDA-Rendite von sieben Prozent, für Karstadt von sechs Prozent. Thomas Cook hat eine Ziel-EBIT-Marge von 4,8 Prozent angekündigt mit steigender Tendenz. Die Neuordnung von Arcandor schafft die Voraussetzung, den Konzern auf eine solide Finanzbasis zu stellen und ein nachhaltig Cash Flow-positives Kerngeschäft im Handel und in der Touristik zu formen."
Thomas Cook setzt profitablen Wachstumskurs fort
Der Touristikbereich Thomas Cook ist und bleibt Kerngeschäft von Arcandor. Das Unternehmen ist bereits heute der mit Abstand stärkste Werttreiber des Konzerns. Thomas Cook wird seinen konsequenten Wachstumskurs auch künftig mit Unterstützung der Arcandor AG fortsetzen. Im Geschäftsjahr 2007/2008 erwirtschaftete Thomas Cook fast 60 Prozent der Umsätze des Gesamtkonzerns.
Der Konzern wird Thomas Cook bei seiner Wachstumsstrategie durch gemeinsame Marketing- und Vertriebskooperationen mit den Handelsmarken und über die Nutzung von Einkaufsvorteilen weiter unterstützen. Angesichts der aktuellen Wirtschaftslage konzentriert sich Thomas Cook nicht primär auf Umsatzsteigerung, sondern verstärkt seine führende Position als renditestärkster Anbieter im Markt. Veränderungen des Buchungsverhaltens und Währungsschwankungen sollen durch ein flexibles Kapazitäts- und Kostenmanagement abgefedert werden. Internationale Wachstumschancen sieht Thomas Cook insbesondere in Indien, Russland und in China.
Künftiges Vorstandsressort bündelt Beschaffung der Handelssegmente
In den Handelssegmenten wird Arcandor künftig die Beschaffung und die Sortimentsgestaltung trennen. Die Beschaffung wird zentral in einem neu zu schaffenden Vorstandsressort gebündelt und fasst die bisherigen Kapazitäten der beiden Handelsgesellschaften zusammen. Die Verantwortung für die Sortimentsgestaltung verbleibt weiterhin in den Markengesellschaften, ebenso die Ergebnisverantwortung.
Ziel ist es, über die Neuorganisation der Prozesse und die Bündelung der Volumina innerhalb von zwei bis drei Jahren Synergien von bis zu fünf Prozent des vollständigen Arcandor-Einkaufsvolumens zu erzielen. Das jährliche Arcandor-Einkaufsvolumen (ohne Thomas Cook) von Primondo und Karstadt liegt aktuell bei über sieben Milliarden Euro. Davon entfallen rund drei Milliarden Euro auf Waren, die nicht für den Verkauf an Kunden vorgesehen sind (z.B. IT-Dienstleistung, Mieten, Logistik, Marketing, Papier- und Druckkosten).
Es ist das Ziel, das Vorstandsressort künftig von dem neuen Generalbevollmächtigten Arnold Mattschull (57) verantworten zu lassen. Der Restrukturierungs- und Einkaufsexperte hat zuletzt die Takko Holding GmbH in der Zeit von 2004 bis 2008 zum Erfolg geführt.
Weiterentwicklung der Nicht-Kerngeschäfte zukünftig in neuem Vorstandsressort
Zu den nicht zum Primondo-Kerngeschäft gehörenden Einheiten zählen unter anderem der stationäre Einzelhandel von Quelle mit 115 Technikcentern und rund 1500 Quelle-Shops, Foto Quelle, Küchen Quelle, myby, der technische Kundendienst Profectis, das Logistiklager Linz sowie die Kundenzentren.
Aus dem Karstadt Portfolio werden acht Filialen (Kiel Alter Markt, Hanau, Kaiserslautern, Hamburg-Billstedt, Bottrop, Leipzig, Ludwigsburg, München Am Dom), die Karstadt Sports Filiale in Recklinghausen sowie die Premiumhäuser KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München in dem zukünftigen Vorstandsressort weiterentwickelt. Die Premium-Häuser zählen international zu den erfolgreichsten und renommiertesten Warenhäusern. Sie gehören jedoch in Bezug auf ihre Zielkunden, die Sortimente und die Betriebsgröße nicht zum Kerngeschäft der Karstadt Filialen. Während Karstadt sich stärker auf die profilierte Mitte der Gesellschaft fokussiert, bleibt für die Premium Group eine deutlich einkommensstärkere Kunden-Zielgruppe mit starker Luxusmarken-Orientierung im Fokus.
Ausschlaggebend für die Entscheidung über das Kerngeschäft waren Kriterien wie der strategische Fit sowie der Ergebnis- und Cash-Flow-Beitrag zum Gesamtkonzern. Durch die Tätigkeit von ATRYS wird die Reduzierung der durchschnittlich jährlichen negativen Cash Flows in Höhe von rund 300 Millionen Euro (Durchschnittswert mehrerer Jahre) gemanagt. Ziel von ATRYS ist es, diesen Negativ-Betrag möglichst schnell auf Null zurückzuführen.
ATRYS umfasst die beiden Bereiche Primondo-ATRYS und Karstadt-ATRYS. ATRYS erlaubt es den operativ Verantwortlichen, ihr Kerngeschäft gezielt mit Blick auf Profitabilität und positiven Cash Flow weiterzuentwickeln. Es ist das Ziel, das zukünftige Vorstandsressort ATRYS von der neuen Generalbevollmächtigten Zvezdana Seeger (44) verantworten zu lassen. ATRYS wird sich in den kommenden Jahren auf die Weiterentwicklung der dort im Fokus stehenden Geschäfte konzentrieren. Seeger war zuletzt in der Geschäftsführung von T-Systems verantwortlich für die Systemintegration. Seeger bringt beste Voraussetzungen für die Aufgabe bei Arcandor mit, da sie zahlreiche Restrukturierungen bei T-Systems und der Deutschen Telekom AG mit Erfolg gemanagt hat.
Auf der Basis ihrer sehr unterschiedlichen Voraussetzungen werden für alle ATRYS-Geschäfte die jeweils besten Optionen geprüft und innerhalb der kommenden Jahre umgesetzt. Dazu zählen u.a. der Verkauf, strategische Partnerschaften, Management Buy-Outs, Sanierung oder auch Schließungen.
Strategische Management-Holding mit klarem Fokus auf Cash Flow
Die Konzentration auf das Kerngeschäft wird es Arcandor ermöglichen, sich zu einer strategischen Management-Holding mit langfristigen Investments in der Touristik und im Handel zu entwickeln. Das Konsolidierungsprogramm wird den Cash Flow in den Kerngeschäften nachhaltig steigern und die operative Performance verbessern. Der Cash Flow wird künftig zur zentralen Steuerungsgröße im Konzern. Alle Anreizsysteme inklusive der variablen Vergütung der Führungskräfte in den Handelssegmenten sowie in der Holding werden konsequent auf diese Größe umgestellt.
Auch alle weiteren Beschäftigten der Arcandor AG sollen über ein noch zu entwickelndes Mitarbeiter-Beteiligungssystem vom zukünftigen Unternehmenserfolg profitieren.
Neuordnung als Basis für langfristige Finanzierung des Konzerns
Ziel des heute vorgestellten Konsolidierungsprogramms ist eine nachhaltige Verbesserung des Cash Flows des Konzerns. Für die Umsetzung dieser Maßnahmen rechnet der Konzern zusätzlich zur anstehenden Refinanzierung im Sommer 2009 in den kommenden fünf Jahren mit einem weiteren Finanzierungsbedarf von bis zu 900 Millionen Euro.
Derzeit basiert das Refinanzierungskonzept für Arcandor im Wesentlichen auf einer weiteren Bankenfinanzierung. Zusätzlich dazu prüft der Konzern jedoch auch Optionen für eine staatliche Unterstützung. Erste Sondierungsgespräche mit Vertretern des Bundes und der entsprechenden Landesregierungen wurden geführt. Auch die Warenkreditversicherer, Lieferanten, Vermieter und Dienstleister spielen nach Auffassung des Arcandor-Vorstandes eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung des Konzerns und seiner 86.000 Mitarbeiter. Mit ihnen sind bereits erste Gespräche geführt worden.
Dr. Karl-Gerhard Eick: "Durch die Neuordnung des Konzerns in den benannten Dimensionen schaffen wir die Voraussetzung, Arcandor zu einer leistungsfähigen strategischen Management-Holding mit nachhaltig profitablen Touristik- und Handelsaktivitäten zu machen. Dem zusätzlichen Restrukturierungsaufwand stehen Ergebnisverbesserungen von mehreren Hundert Millionen Euro gegenüber. Wir sind zuversichtlich, auf dieser Basis mit den Banken, den Aktionären, den Mitarbeitern sowie allen weiteren Stakeholdern die langfristige Finanzierung für den Konzern sichern zu können. Mit dieser Überzeugung haben wir mit allen Partnern die Gespräche zur Refinanzierung des Konzerns begonnen."
