In den 100 Jahren seines Bestehens hat die heutige John GmbH eine bewundernswerte Entwicklung durchlaufen. 1926 in der heutigen Tschechischen Republik als Reparaturbetrieb für Autoreifen gegründet, siedelte das Unternehmen nach dem Krieg ins Bayerische Freilassing um und begann Mitte der 50er-Jahre, sein Sortiment auf Spielwaren auszuweiten. Heute werden John-Bälle in ganz Europa geworfen und das ist längst nicht alles. Susanne John, die das Familienunternehmen mit ihrer Schwester Andrea in dritter Generation leitet, hat sich mit BRANDORA ausgetauscht.
100 Jahre JOHN – Sie blicken sicherlich stolz auf eine bewegte deutsche Industrie-Geschichte zurück. Vor allem in seinen ersten 30 Jahren musste das Unternehmen sich in mehrfacher Hinsicht neu orientieren und hat dies mit Bravour gemeistert. Ist eine bestimmte Prägung aus dieser Zeit noch heute bei Ihnen spürbar?
Die ersten 30 Jahre aus unserer Firmengeschichte kennen meine Schwester Andrea und ich nur aus den Erzählungen von unserem Vater. Es war eine harte Zeit mit ganz anderen Herausforderungen als heute. Ich denke, wir nehmen aus dieser Zeit den Gedanken mit: „Ein Unternehmer zu sein heißt, etwas zu unternehmen und nicht etwas zu unterlassen“.
Nach 1945 zog das Unternehmen aus Tetschen (heute Tschechische Republik) nach Freilassing an der Österreichischen Grenze und ist bis heute dort geblieben. Gab es einmal die Überlegung, den Standort zu verlagern – etwa ins Fränkische, um im „Deutschen Spielwaren-Hub“ besser vernetzt zu sein?
Nein, es gab nie die Überlegung aus Freilassing wegzuziehen. Die Familie ist heute hier fest verwurzelt.
Die heutige John GmbH blieb immer in Familienhand – Sie und Ihre Schwester sind die dritte Generation. Können Sie sich an Erzählungen Ihres Großvaters erinnern, in denen er von der Entscheidung berichtete, das Sortiment Anfang der 1950er-Jahre auf Spielwaren zu erweitern?
Unser Großvater ist 1972 gestorben, da war ich 5 Jahre alt. Daher kann ich mich leider an gar keine Gespräche mit unserem Großvater erinnern. Die Erweiterung auf das Sortiment Spielware ergab sich aus der Gummi-Produktion bzw. Reparatur von Autoreifen. Wir sind „Produktionsmenschen“ und immer mit Produktion verbunden und denken immer daran, was man produzieren kann, was man besser/effizienter oder anders produzieren kann.
Noch eine Frage zu Ihren persönlichen Erinnerungen: Haben Sie wahrgenommen, wie 1983 das Tampondruckverfahren eingeführt wurde?
Dies war ein Meilenstein in der Drucktechnologie für unsere Bälle. Wir erinnern uns sehr genau an diesen Moment, auch wenn wir damals noch in der Schule waren: unser Vater war unglaublich stolz und hat die ersten, in diesem Druckverfahren gedruckten Bälle und Designs seinem Bruder und seinen Töchtern gezeigt. Wir haben davon auch Fotos, die diesen Moment festgehalten haben.
Mitte der 70er-Jahre wurden Lizenz-Kooperationen eingeführt – in erster Linie muss hier Disney genannt werden. War man sich damals schon sicher, wie der Disney-Konzern seine Strahlkraft langfristig sondern sogar ausbauen würde?
Ich denke, dass zu der damaligen Zeit noch niemand absehen konnte, was für ein Gigant der Disney-Konzern werden würde. Wir hatten schon damals – so wie heute – verschiedene Lizenzen, weil man nie wissen kann, welche Lizenzen sich wie am Markt behaupten werden. Vieles ist wieder verschwunden, Disney ist geblieben. Und wir haben Disney nie aufgegeben.
Hat die Tatsache, dass Marvel und Star Wars mittlerweile zum Disney-Konzern gehören, die Lizenz-Verhandlungen mit diesen Mega-Brands einfacher für JOHN gemacht?
Wir haben einen sehr guten Kontakt zur Disney-Zentrale in London und für uns ist es natürlich einfacher, mit einem Partner zu verhandeln und genauso ist es für den Disney-Konzern einfacher, sich auf weniger Partner konzentrieren zu können.
Zu Beginn des Lizenz-Geschäfts wurden auch die ZDF-Mainzelmännchen auf JOHN-Bälle gedruckt. Fällt der Entschluss manchmal schwer, eine IP aus dem Sortiment zu nehmen, wenn man merkt, dass ihre Relevanz sinkt?
Lizenzen unterliegen dem Geschmack – wie die Mode. In diesem Zusammenhang müssen wir betriebswirtschaftlich denken und entscheiden. Was gefragt ist, wird gekauft und das produzieren wir.
Wie schnell kann JOHN in der heutigen, schnelllebigen Welt auf kurzfristige Trends reagieren? Man denke etwa an den „Lilo & Stitch“-Hype vor einigen Jahren.
Unsere Kern-Kompetenz ist unsere eigene Ballherstellung mit zwei Werken in Freilassing und Bulgarien. So können wir flexibel und mit kurzen Vorlaufzeiten die Produktionen auf veränderte Nachfrage anpassen.
Belasten die aktuellen Gegebenheiten um Zölle und politische Konflikte Ihr Unternehmen?
Wir verkaufen unsere Bälle und unser John-Sortiment in ganz Europa und natürlich sind – wie bei allen Unternehmen heute – die Auswirkungen von jeder Störung der globalen Lieferketten „fast am nächsten Tag“ zu spüren. Dies hat sich in so einem Ausmaß erstmalig in der Corona-Zeit gezeigt, dann bei Ausbruch des Russland/Ukraine-Krieges und jetzt mit dem Ausbruch des Krieges im Iran. Es ist ein fragiles Netzwerk und es ist unverständlich, wie wenig Politiker von diesen Zusammenhängen verstehen und den Auswirkungen auf alle Beteiligten. Das Fazit ist immer: die Kosten steigen und es stellt sich nur die Frage, wer diese Kostensteigerungen wie umlegen kann. Wir sitzen wie immer in einer „Sandwich-Position“: zwischen großen Rohmaterial-Anbietern, Logistikunternehmen, die ihre Kostensteigerungen weitergeben und großen Discountern bzw. Retailern als unsere Abnehmer, die rigoros jede Preiserhöhung ablehnen.
Was sind die priorisierten Ziele, die JOHN sich für das zweite Jahrhundert seines Bestehens auf die Fahnen geschrieben hat?
Wie immer ist unsere Position, dass wir die äußeren Umstände nicht ändern können, wir müssen daher immer flexibel bleiben und uns intern anpassen. Wir stellen laufend unsere Abläufe auf den Prüfstand, um effizient und kostengünstig zu bleiben. Wir verfolgen Trends und übernehmen, was für uns passend ist, um immer ein attraktiver Anbieter für unsere Kunden zu bleiben. Wir sind ein Familienunternehmen mit Verantwortungsbewusstsein und zeigen dies jeden Tag unseren Mitarbeitern, damit sich diese bei John wohlfühlen und wir ein attraktiver Arbeitgeber bleiben. Wie ich eingangs sagte: Ein Unternehmer zu sein heißt, etwas zu unternehmen und dabei nie müde zu werden, neue Dinge anzugehen.
