Harald Schrapers sorgte jüngst für Aufsehen. Im Videostream, bei dem die heiß ersehnten Long- und Shortlists für das Spiel des Jahres 2026 verkündet wurden, setzte der Vorsitzende des Vereins zu einer deutlichen Kritik an Teilen der Branche an. Gerügt wurden massive Mängel bei den Spielanleitungen, beim Zubehör, beim Material und auch bei den Altersangaben – insbesondere bei den Spielen, die eigentlich den oberen zehn Prozent zugeordnet wurden. Einige von ihnen wären aufgrund dieser Mängel nicht mehr auf die Longlist genommen worden. Andere hätten es trotz Mängel noch so eben drauf geschafft. BRANDORA hat natürlich nachgehakt und mit Harald über diese Beobachtung gesprochen. Außerdem konnten wir es uns nicht verkneifen, die Sache mit Lizenzen einmal anzusprechen.
Harald, mitten in dem Youtube-Stream zur Verkündung der Nominierten für das Spiel des Jahres hast du einige kritische Worte an die Spielwarenbranche gerichtet. Wie kam es zu diesem Entschluss?
Wir sind keine Branchenkritikerinnen und -kritiker. Wir kritisieren Spiele. Und das tun wir mit Leidenschaft. Dazu gehört auch, dass wir prägende Entwicklungen benennen – positive wie negative.
In Gesprächen mit Branchenvertretern hörten wir auch die Meinung, dass dies nicht der richtige Anlass gewesen sei – schließlich solle die Bekanntgabe der Long- und Shortlists doch ein Zeitpunkt sein, um positiv über Spiele zu sprechen. Hast du ganz bewusst die Bühne mit der größten Aufmerksamkeit gewählt?
Grundsätzlich verstehe ich die Enttäuschung der betroffenen Verlage – denn einige der angesprochenen Mängel hätten leicht behoben werden können. Fakt ist: 1. Unsere Kriterien sind transparent. 2. Wir sind der Überbringer der Botschaft, nicht die Ursache. 3. Das Spiel des Jahres ist kein Branchenpreis, sondern ein Kritikerpreis.
571 Titel in der Auswahl haben in diesem Jahr einen neuen Rekord bedeutet. Konzentrieren sich die Verlage zu sehr auf Quantität und zu wenig auf Qualität?
Die große Quantität ist uns aufgefallen, aber nicht mangelnde Qualität. Sie war insgesamt auf dem gleichen Niveau wie in den Vorjahren, und dass Spiele Mängel haben, ist immer schon vorgekommen. Was dieses Jahr anders war: Es waren überdurchschnittlich viele Titel betroffen, die aus unserer Sicht zu den besten zehn Prozent des Jahrgangs gehören.
Wollt ihr der Veröffentlichungsflut bewusst entgegenwirken, weil die Jury ansonsten nicht mehr alle Neuerscheinungen pro Jahrgang testen kann?
Auf die Anzahl der Neuerscheinungen wollen und können wir keinen Einfluss nehmen.
Gehen wir konkret auf einige der Kritikpunkte ein: Zuoberst nanntest du fehlerhafte oder lückenhafte Spielanleitungen, was in der Tat aus Konsumentensicht ein enormes Ärgernis ist. Lass uns die Dinge beim Namen nennen: Denkst du, einige der Verlage lassen die Anleitungen von der KI schreiben?
Ich sehe nichts, was darauf hindeutet.
Ein anderer Erklärungsansatz könnten nicht erfolgte oder zu wenig Testläufe sein, bei denen eventuell zuletzt gespart wurde?
Diese Frage kann ich beim besten Willen nicht beantworten. Da müssen Sie sich an die Redaktionen wenden.
Auch habt ihr „eklatant falsche Altersangaben“ genannt. Wurde eher zu jung oder zu alt geschätzt? Und wie kann es dazu kommen?
Manchmal zu jung, manchmal zu alt. Die deutschen Lokalisierer berufen sich dann etwa auf die Angaben des Lizenzgebers. Aber das reicht eben nicht aus, um eine sinnvolle Altersempfehlung zu definieren.
Schließlich hast du auch von Materialfehlern gesprochen. Glaubst du, einige Verlage haben hier bewusst gespart?
Ich gehe davon aus, dass die Verlage den Anspruch haben, beste Qualität zu produzieren, die für die Spielerinnen und Spieler auch bezahlbar ist. Dass das nicht immer klappt, ist bedauerlich. Woran es liegt, können wir als Spielekritiker und -kritikerinnen nicht sagen, und das sehen wir auch nicht als unsere Aufgabe. Wir haben das fertige Produkt auf dem Tisch, der Weg dorthin ist Sache der Verlage. Wir benennen nur, was uns an diesem fertigen Produkt auffällt.
Die letzte Frage geht etwas weg vom Thema aber hat unsere Redaktion zuletzt beschäftigt: In all den Jahren hat es noch nie ein Spiel mit einer prominenten Lizenz unter die Nominierten geschafft. Ist das Zufall?
Seit der Nominierung von Dune zum Kennerspiel des Jahres 2022 ist das tatsächlich nicht mehr vorgekommen. Ob ein Spiel ein Lizenzthema hat oder nicht, gehört definitiv nicht zu unseren Kriterien.
