Bei der Nachbesetzung der Managing Director für die deutsche Vertretung hat es der Verband Licensing International gut getroffen: Die ausgeschiedene Ute Stauss konnte Anfang des Jahres mit Petra Strobl direkt aus den eigenen Reihen ersetzt werden. Seither setzt sich Strobl nun in erster Reihe für die zunehmende Vernetzung der Lizenz-Industrie ein und ist gefragter denn je. Zwischen Themen wie der BLE-Vorbereitung, dem EU AI Act und der Zusammenarbeit zwischen Licensing und Handel hat sie auch ein wenig Zeit für einen ersten Austausch mit BRANDORA gefunden. Neben der laufenden Verbandsarbeit sprachen wir unter anderem über die erwachsene Zielgruppe als wichtigsten Wachstumstreiber im Toys-Sektor. Ein zweites Gespräch im Herbst 2026 haben wir mit Petra Strobl bereits vereinbart.
Petra, fangen wir mal etwas persönlich an: Du selbst wurdest Anfang des Jahres von der Head of Communication zur Managing Director. Was hat sich für dich verändert und welche Impulse setzt du mit dem Verband?
Die neue Rolle bringt natürlich mehr Verantwortung und ein breiteres Aufgabenspektrum mit sich. Besonders wertvoll sind für mich die noch direkteren Kontakte in die Branche und der persönliche Austausch – immer mit dem Ziel zu verstehen, was unsere Mitglieder und die Branche gerade bewegt. Die letzten zwei Jahre waren für meine Vorgängerin Ute Stauss und mich ein permanenter Aufbruch: Wir haben den Verband neu ausgerichtet, und dieser Weg ist noch lange nicht zu Ende.
Mir macht es großen Spaß, kreativ zu sein, neue Formate zu entwickeln, Partnerschaften zu schließen und Menschen zusammenzubringen. Gerade in Zeiten vielfältiger Herausforderungen und Umbrüche sehe ich den Verband als Plattform und Impulsgeber wichtiger denn je. Es gibt zahlreiche Themen, die nach Lösungen verlangen von den großen Fragen wie einer noch engeren Zusammenarbeit zwischen Lizenzbranche und Handel, wozu gerade eine Branchenbefragung läuft, bis hin zu ganz pragmatischen Aufgaben des Tagesgeschäfts. Bestes Beispiel: die KI-Kennzeichnungspflicht, die ab dem 2. August gilt. Dazu hatten wir gerade diese Woche ein Mitglieder-Webinar mit einer Medienrechtsanwältin – die große Resonanz ist für mich die Bestätigung, dass wir als Verband echten Mehrwert liefern und das operative Geschäft unserer Mitglieder direkt unterstützen können.
Erstmals in deiner Gesamtverantwortung für Deutschland standen dann für dich die einschlägigen Branchenveranstaltungen an, in erster Linie die Licensing Expo in Las Vegas und die deutsche BRANDmania, die im Juni zum fünften Mal stattfand. Wie würdest du den Zustand der Branche derzeit beschreiben?
Die Branche bewegt sich in einem nicht ganz unanstrengenden Spannungsfeld – zwischen starken Wachstumschancen und kreativen Möglichkeiten auf der einen, und einer ganzen Reihe von Herausforderungen auf der anderen Seite. Wirtschaftliche und geopolitische Unsicherheiten, umfangreiche Konsolidierungen vor allem im Medien- und Entertainmentbereich, Budget-Restriktionen – um nur einige zu nennen.
Gleichzeitig ist die Lizenzbranche aktiver und kreativer denn je. Das konnten wir gerade wieder live auf der BRANDmania erleben. Die internationalen Leitmessen Licensing Expo und BLE verzeichnen in diesem Jahr Ausstellerrekorde. Brand Partnerships und Lizenzkooperationen sind sichtbarer und spannender geworden. Sie begeistern Fans und Communities weltweit. Und die Zahlen belegen den anhaltenden Erfolg: 2025 sind die Umsätze lizenzierter Waren und Services erneut gewachsen, auf ein globales Allzeithoch von 389,8 Milliarden US-Dollar. Damit hat Licensing den allgemeinen Retailmarkt erneut outperformt – global wie in Deutschland.
Im April habt ihr die Gründung des Brand Licensing Industry Council bekannt gegeben. Wie sieht deine erste Bilanz aus?
Ich glaube sehr an die Kraft der Gemeinsamkeit – und genau daraus ist das Brand Licensing Industry Council entstanden. Ziel ist es, die Arbeit von Licensing International Germany um neue Perspektiven zu bereichern und konkrete Impulse für die gesamte Markenlizenzbranche in Deutschland zu setzen. Aktuell laufen viele gute Gespräche, es entstehen Projektideen und Initiativen – immer mit dem Ziel, das Geschäftsmodell Licensing mit all seinen Möglichkeiten sichtbarer zu machen, neue Branchen zu erschließen, mit anderen Industrie-Verbänden zusammen zu arbeiten und so die Lizenz-Community weiter wachsen zu lassen. Nach dem Sommer werden wir hier offiziell die nächsten Schritte gehen.
Auf der BRANDmania hast du die Toplines aus der neuen Global Licensing Industry Study präsentiert. Was sind für dich die wichtigsten Erkenntnisse?
Für mich sind es vor allem zwei Punkte.
Erstens: Licensing ist ein stabiles, resilientes Geschäftsmodell. Seit Beginn der Erhebung 2014 wachsen die Umsätze global jedes Jahr kontinuierlich – zum Teil deutlich gegen den allgemeinen Retailtrend und trotz zahlreicher Herausforderungen, die direkt auf das Konsumverhalten wirken. Und davon gab es in den letzten zwölf Jahren wirklich viele.
Zweitens: Aktuell treiben vor allem Erwachsene das Lizenzgeschäft an – und das nicht nur bei Toys, wo sie der wichtigste Umsatztreiber sind. Inhaltlich kommt das Wachstum stark aus Evergreen- und Retro-Themen. Ein Blick auf die Demografie macht das Potential deutlich: Erwachsene bilden nicht nur den größten Teil der Bevölkerung, ihr Anteil wächst rasant weiter. Deutschland gehört zu den am schnellsten alternden Gesellschaften der Welt. Schon bald sind mehr als die Hälfte der Menschen hier 50 oder älter – und das ist die kaufkräftigste Bevölkerungsgruppe. Diese Potenziale nicht zu nutzen, ist schlicht keine Option.
Die vollständige Global Licensing Industry Study 2026 wird übrigens in Kürze veröffentlicht, und da gibt es natürlich dann noch mal deutlich tiefere Insights.
Der Retro-Hype ist weiter ungebrochen. Die beliebtesten Marken der Welt sind fast ausnahmslos über 20 Jahre alt. Wird dies mittelfristig so bleiben oder siehst du auch einen Markt für neue, frische Marken?
Es wird immer Raum für neue Marken geben. Die starke Nachfrage nach Retro- und Nostalgie-Themen ist aus meiner Sicht aber gekommen, um zu bleiben. Deshalb spreche ich auch nicht von Hype oder Trend, sondern von einem Konsumverhalten der erwachsenen Generationen über alle Altersklassen hinweg. Die Generation X – die mit Abstand kaufkräftigste aller Zielgruppen – ist die erste Generation, die mit Entertainment-IPs groß geworden ist. Viele dieser Marken sind bis heute aktuell und feiern gerade ihre 50-jährigen Jubiläen. Diese Generation ist die erste, die mit Lizenzprodukten aufgewachsen ist, wie wir sie heute kennen. Aber auch 20-Jährige wollen sich heute mit den Lieblingsmarken ihrer Kindheit verbinden – das sind dann zum Teil andere Themen, die vielleicht „nur“ 20 statt 50 Jahre alt sind. Ich sehe hier tatsächlich langfristig großes Potenzial.
Lass uns einen Blick nach vorn werfen – was steht in der zweiten Jahreshälfte 2026 an und worauf freust du dich am meisten?
Im zweiten Halbjahr steht einiges an – allen voran wichtige Branchenevents wie die BLE in London, in deren Rahmen wir gemeinsam mit verschiedenen Partnern erneut die „German Night @ BLE“ ausrichten. Und natürlich unser Jahresevent, der „Licensing Summit & Awards 2026“ am 26. November in München – dazu gibt’s in Kürze mehr, und auch darüber hinaus haben wir weitere Formate für unsere Mitglieder in Vorbereitung. Aktuell läuft außerdem noch die eingangs erwähnte Branchen-Umfrage zum Thema „Lizenzen im Handel“, die wir gemeinsam mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg durchführen. Sie richtet sich an Lizenzgeber, -nehmer und Agenturen – alle sind aufgerufen, mitzumachen. Gemeinsam mit der DHBW entwickeln wir hieraus konkrete Handlungsempfehlungen, die Licensing und Handel gemeinsam voranbringen. Jedes Feedback ist relevant.
Das geben wir gern an unsere Leser weiter. Vielen Dank für diesen ersten Austausch. Wir freuen uns, das Gespräch zeitnah noch einmal aufzunehmen.
Anm. d. Red.: Die Umfrage finden Sie hier.
