Der Hauptpreis „Spiel des Jahres 2009“ geht an „Dominion“
von Donald X. Vaccarino im Verlag Hans im Glück / Vertrieb Schmidt Spiele
Was ist das denn für ein Spiel? Man hat frühzeitig die Hand voller Siegpunktkarten, flucht aber darob leise vor sich hin und nimmt sich vor: „Beim nächsten Spiel können mir die verdammten Siegpunkte erst mal gestohlen bleiben, sonst gewinne ich dieses Spiel ja nie!“ Die bloße Tatsache, dass solch ein innerer Monolog zustande kommen kann und der darin gefasste Vorsatz auch noch sinnvoll ist, legt nahe, dass es sich hier um ein durch und durch ungewöhnliches Spiel handeln muss. Die Jury Spiel des Jahres zählt „Dominion“ sogar zum erlauchten Kreis derjenigen Preisträger, die nicht einfach „nur“ von wirklich herausragender Qualität sind, sondern die Kultur des klassischen Gesellschaftsspiels durch ein wahrhaft innovatives, unverbrauchtes Spielsystem bereichern.
Sage und schreibe 500 Aktions-, Geld- und Siegpunktkarten stecken in der mit einem sehr zweckdienlichen Sortierfachsystem ausgestatteten Schachtel von „Dominion“. Doch keine Angst: Von der überwältigenden Kartenzahl kommt in jeder Partie nur eine kleine, immer wieder neu zusammengestellte Auswahl zum Einsatz. Jedes Spiel verläuft anders; Taktik und Strategie wechseln von Partie zu Partie. Namentlich die enorme Vielfalt unterschiedlicher Aktionskarten bringt Farbe in dieses thematisch im Mittelalter angesiedelte Spiel.
Zwar müssen Dominion-Spieler tendenziell bestrebt sein, ihr Portfolio an verschiedenen Aktionskarten ständig zu erweitern, denn mit der Anzahl und klugen Auswahl dieser Aktionskarten wächst der eigene Handlungsspielraum. Letztlich ist die alles entscheidende Frage aber stets: Wann endlich ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um sich mit Siegpunktkarten zu belasten? Und Siegpunkte können vor allem in der Aufbau- und Entwicklungsphase dieses Spiels eine wahre Plage sein.
Als Grundausstattung erhält jeder Spieler zu Beginn 10 Karten. Darunter sieben Karten mit Kleingeld und auch gleich schon mal drei Karten, die jeweils einen Siegpunkt zählen. In der Mitte des Tisches liegen weitere Stapel von Karten, die man im Laufe des Spiels erwerben kann.
Ein Spielzug ist denkbar einfach: Vom eigenen Kartenstapel die obersten fünf auf die Hand nehmen, Karten ausspielen, neue Karten kaufen, ausgespielte und restliche Handkarten auf die Seite legen. Ist der eigene, verdeckte Kartenstapel aufgebraucht, werden alle ab- bzw. zur Seite gelegten eigenen Karten gemischt und bilden den neuen verdeckten Nachziehstapel. Man sieht also: Neuerworbene Karten bereichern nach und nach die eigene Karten- und Aktionsauswahl, und in aller Regel gehen ausgespielte Karten nicht verloren. So wächst der eigene Kartenstapel stetig an – was durchaus nicht zwangsläufig zu begrüßen ist, sondern unter Umständen auch sehr lästig und hinderlich sein kann. Dieser Mechanismus ist die eigentliche große spielerische Innovation, die „Dominion“ bietet. So ist es beispielsweise überhaupt nicht gut, allzu viele Karten mit kleinen Siegpunktwerten in seinem Kartenstapel mit sich herum zu schleppen. Klar, am Ende geht es um nichts anderes als darum, möglichst viele Siegpunkte auf der Hand zu haben, andererseits behindern einen die Dinger während des Spiels nur. Mit Siegpunktkarten lässt sich nämlich spieltechnisch überhaupt nichts anfangen. Sie sind halt da. Jetzt stelle man sich vor, man zieht vom eigenen Kartenstapel die obligaten fünf Karten auf die Hand und vier davon sind Siegpunktkarten; es befindet sich also gerade mal eine Karte darunter, mit der man in diesem Zug etwas anfangen kann – sehr lustig! Kluge Spieler versuchen solche Situationen dadurch zu vermeiden, dass sie sich statt vieler geringwertiger Siegpunktkarten einige wenige hochwertige unter den Nagel reißen. Natürlich ist das schwieriger, aber es lohnt sich.
Die Fülle des Spielmaterials und der Spielmöglichkeiten bei „Dominion“ sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass es sich hier um ein Spiel mit sehr klaren, einfach zu erfassenden Strukturen handelt. Die reizvolle Technik, sich vor jeder Partie mit viel Witz und Geschick sein eigenes kleines Kartendeck zusammen zu stellen, ist Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen seit mehr als zehn Jahren von einschlägigen und weltweit beliebten Sammelkartenspielen her vertraut. – Der Einstieg in das innovative Spielsystem von „Dominion“ ist also nicht schwer, und es steht zu erwarten, dass „Dominion“ in Zukunft nicht nur frischen Wind über hunderttausende von Spieltischen hierzulande wehen lassen wird, sondern dass es auch eine neue Quelle der Inspiration für deutsche und internationale Spieleautoren sein wird.
Der Autor: Donald X. Vaccarino wurde 1969 geboren. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in New York. Vaccarino beschäftigte sich Ende der 80er Jahre als Programmierer mit Spracherkennungstechniken. In den 90er Jahren schrieb er Programme für Dialyse-Geräte. Als junger Mann entwickelte Vaccarino ein Rollenspiel, „Escape from Planet X“, das in Insiderkreisen zwar weitergereicht, aber nie wirklich kommerziell verwertet wurde. Seine Begeisterung für das legendäre Sammelkartenspiel „Magic“ zeitigte Mitte der 90er Jahre auch eine sporadische Zusammenarbeit mit dem Magic-Erfinder Richard Garfield. Donald X. Vaccarino entwickelte, nach eigenem Bekunden, „Dutzende von Spielen“ im Laufe der Jahre, hatte aber immer wieder Hemmungen, diese Spiele bei Verlagen zu präsentieren. Die zündende Idee für „Dominion“ hatte der Autor im Oktober 2006. Für die Ausarbeitung der im Grunde sehr einfachen Regel benötigte er gerade mal einen Tag. Es spricht für die Prägnanz der Regel, dass sich daran auch während der langen Phase der Weiterentwicklung und Optimierung praktisch nichts mehr geändert hat. Ganz anders verhielt es sich jedoch mit der Feinarbeit an dem ungewöhnlich umfang- und variantenreichen Kartenmaterial von „Dominion“. Mehr als ein Jahr arbeiteten Autor und professionelle Spielentwickler daran, die Wirkungsweisen und das Zusammenspiel der Karten zu perfektionieren. Vaccarino berichtet: „Keine einzige Karte meines Prototypen blieb unverändert, aber die Mühe hat sich ohne jeden Zweifel gelohnt.“
