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What a show: Kind + Jugend RE-START

What a show: Kind + Jugend RE-START
J. Meister

Nun geht es also wieder los. Die Kind + Jugend RE-START edition findet derzeit in Köln statt und eröffnet den Reigen der großen Leitmessen unserer Branchen.


Es ist ein kleines Aufatmen, das man in den Gängen der Kölnmesse erleben darf. Es ist schön, wieder Leute face-to-face zu sehen, Produkte auszustellen, neue Leute kennenzulernen und mit alten Kontakten Branchennews zu besprechen.
150 Unternehmen begrüßt Oliver Frese, Geschäftsführer der Kölnmesse GmbH, in Halle 10.2. des Messegeländes. Aussteller, die, so Frese, mit Vertrauen und Zuversicht ihre Waren ausstellen und so zeigen, dass eine solche Branchenzusammenkunft wichtig ist.

Vor Ort und digital

Alle Aussteller stellen ihr Sortiment nicht nur vor Ort, sondern auch in den digitalen Messeräumen „Kind + Jugend@home“ aus. Auch die Veranstaltungen können allesamt am Bildschirm verfolgt werden. Als Ausrichter großer digitaler Messen wie der Gamescom ist die Kölnmesse zuversichtlich, mit dem hybriden Veranstaltungskonzept eine große Zahl an Besuchern erreichen zu können.
Die Kind + Jugend ist für das Unternehmen die erste Hybridmesse sowie die erste Präsenzmesse seit dem Frühjahr 2020.

Fast normales Messegefühl: Lässig-Stand

Gut frequentiert: Thule

Aussteller aus 24 Ländern – teils mit Gruppenbeteiligung – finden sich auf der Kind + Jugend zusammen, und freuen sich auf regen Besuch. Wie zahlreich dieser erscheinen wird, möchte Frese vorab noch nicht mutmaßen, doch sei das Team recht optimistisch, angesichts der Vorbuchungen.

Natürlich sind vergangene Veranstaltungen kein valider Maßstab – und gemessen daran mag man schon enttäuscht sein, weder im Hotel noch am Messeeingang Warteschlangen vorzufinden – und auch dem gewohnten Rummel in den Messehallen nicht zu begegnen.

Sicher aber überschaubarer Andrang

„Es sind zwar eindeutig weniger Besucher“, so Patrick Osann, Geschäftsführer des gleichnamigen Babyausstattungs-Unternehmens, „aber wir können über Besuchsfrequenz an unserem Stand gerade nicht klagen“. Auch Christian Diehl, Geschäftsführer des Spielwarenunternehmens EverEarth sekundiert dieses Fazit.

Große Namen sind rar – eine Chance für kleine Labels

Geht man die Ausstellerliste durch, stellt man fest: Die großen Namen sind rar. Zahlreiche kleine Labels nutzen die Chance, aus dem Schatten der Big Brands zu treten. Und das tut eigentlich ganz gut: Man nimmt Unternehmen wahr, die man all die Jahre einfach nicht entdeckt hat.
Schade dennoch, dass viele Unternehmen, die über Jahrzehnte vom Branchentreff profitierten, sich nun so rar machen. Diese Zurückhaltung tut niemandem wirklich gut. Klar – es waren im Vorfeld keine riesigen Umsätze bei der RE-START – Edition der Messe zu erwarten. Doch Zeichen setzen, Fahne hochhalten, Willen sowie Mut und Zuversicht zeigen – zumindest mit einer kleinen Fläche und Delegation hätte wohl auch nicht sonderlich weh getan.
Laure Betrando von Lässig erklärt: „Uns war es wichtig, der Branche zu zeigen, dass es weitergeht. Dass wir für den Handel da sind und Teil einer lebendigen Branche sind. Auch wenn nach und nach klarer wurde, dass viele Unternehmen nicht teilnehmen werden.“

Branche im Wandel

Wohin es mit der Branche geht, versuchte im Trendforum ein Gesprächs-Panel zu umreißen. Patrick Osann, Dr. Kai Hudetz (Geschäftsführer des IFH Köln) sowie Tomma Rabach (Geschäftsführerin Rabach Kommunikation) umrissen gemeinsam mit Astrid Specht vom Goeller Verlag die aktuelle Situation und wagten einen vorsichtigen Ausblick.
Die Verwerfungen, die Lockdowns und unterbrochene Handelsketten, sowie Materialengpässe in den letzten beiden Jahren mit sich brachten – und noch immer mit sich bringen, sind uns allen noch sehr bewusst. Welche Auswirkungen diese Unregelmäßigkeiten jedoch hervorriefen, war spannend, von den Panelisten zu hören.

Patrick Osann gewährte den Zuhörern hier zunächst einen Einblick, was in seinem Unternehmen mit dem Schließen des Handels passierte: Das Team entfaltete große kreative Energie, stellte digitale Strategien auf die Beine und erging sich nicht im Beklagen der Situation, sondern entwickelte eine Vision, wie das Unternehmen nach der Pandemie da stehen soll.


Wer mehr dazu wissen möchte, wie es Osann während des ersten Corona-Jahres ging, dem möchten wir unseren Podcast ans Herz legen.

Panel „Branche im Wandel“

Möglich machte diese gedankliche Freiheit die schnelle Zusicherung der Geschäftsleitung, dass sich niemand um sein Gehalt und seinen Arbeitsplatz sorgen muss.
Nach außen reagierte Osann mit Stützen des Handels durch Dropshipment-Lösungen und kulanten Zahlungsmodalitäten, damit der wichtige Absatzkanal Fachhandel möglichst gesund aus der Krise kommen kann.

Auch besagter Fachhandel, so Dr. Kai Hudetz, hat in der vergangenen Corona-Zeit viel dazugelernt. Corona war hier ein Beschleuniger für zahlreiche Prozesse. Händler haben kreative Kommunikationskanäle zum Kunden ersonnen, Onlineshops eröffnet und ihr Sortiment überdacht. Sie haben begonnen, nötige Schritte hin zum Kunden zu machen. „In toto ist der Einzelhandel in der Pandemie sogar gewachsen, aber die Verschiebungen sind stark und schnell“, so Hudetz.

Willensbildung findet online statt

Willensbildung findet nicht mehr auf der Fläche statt, sondern verschiedene Onlinekanäle nehmen diesen Platz ein. Tomma Rabach erklärte, dass hierdurch nicht nur der Handel in der Verantwortung steht, Produkte und Marken ganzheitlich erlebbar zu machen. Denn nicht nur Produkte tragen zur Willensbildung der Kunden bei, sondern auch die Werte und das Engagement der Marken. Dabei spielen natürlich auch Multiplikatoren online eine große Rolle.

„Kunden“, so Rabach, „geht es darum, dass Unternehmen nahbar sind und Gesicht zeigen“.

Hudetz blickt für den Handel jedoch optimistisch in die Zukunft: „Während der Pandemie kam das Thema Bequemlichkeit beim Kunden zum Tragen. Nachher, denke ich, wird wieder das Thema Erlebnis eine Rolle spielen. Momentan sind jedoch die Verweilzeiten in Läden dramatisch zurückgegangen“. Osann entgegnet hier energisch: „Dieses Erlebnis und das Bereithalten der Fläche muss aber ja auch bezahlt werden – das ist schwer!“

Wer ist der bessere Verkäufer?

Etwas provokant fragte Astrid Specht dann in die Runde: „Wer ist der bessere Verkäufer? Hersteller oder Händler?“ – eine berechtigte Frage angesichts Osanns Ausführungen zu neu erlernten Fähigkeiten des Dropshipment, zahlreicher Direktvertriebe, die in den letzten Jahren aus dem Boden sprossen sowie Konzepten wie „Baby Q„, die den etablierten Fachhandel aussen vor lassen und einen Shortcut zwischen Industrie und Kunden bilden.

Unisono hielten erwartungsgemäß alle Panel-Teilnehmer die Industrie – Handel – Beziehung hoch: „Es geht nur gemeinsam!“ war das Credo.
„Es wurde in der Vergangenheit vom Handel teils versäumt, eng am Kunden zu bleiben. Viele Händler haben von räumlicher Nähe profitiert – egal ob sie toll sind oder nicht“, so Hudetz, „Der ‚Handel in der Hosentasche der Kunden‘ zwingt jetzt jedoch wirklich dazu, am Kunden dran zu sein und neue Ideen zu entwickeln.“

„Das große Pfund des Händlers ist Persönlichkeit. Dann kann er auch lokal Community bilden“, so Osann. „Was uns aber für ein konsistentes Markenerlebnis fehlt, ist die Verfügbarkeit guter Produktdaten. Das kann der Händler nicht alleine leisten. Hier heisst es ‚Kooperieren oder krepieren‘, pointiert darauf Hudetz. „Gerade für den kleinen inhabergeführten Einzelhandel mit passgenauen Inhalten und individueller Ansprache sehe ich hier nach langem Niedergang wieder Vorteile gegenüber großer Filialisten“.

Die Trends

In einer Pressemeldung fasst der Branchenverband BDKH die wichtigsten Trends der Babyartikel – Branche zusammen. Hier wird Corona als Katalysator beschrieben: Die Pandemie ermöglichte es, dass Hersteller neue Formate und Wege erschließen konnten. Wie bereits in der Paneldiskussion deutlich wurde, erklärt auch Robin Homolac vom Babytrage-Hersteller Ergobaby, dass Unternehmen neue Touchpoints und Kanäle erschlossen. So wurden Live-Formate in Form von Webinaren oder Live-Sessions etabliert und so der direkte Kontakt zu Zielgruppen gesucht.

Der Aspekt Umwelt und Nachhaltigkeit ist mittlerweile fest verankert im Anforderungskanon der KundInnen. Babyartikel und textile Produkte unterliegen hierbei besonders kritischer Prüfungen. So etablieren sich in allen Bereichen Sortimente unter nachhaltigen Gesichtspunkten, und auch Konzepte wie das von Ergobaby gestartete „Everlove Programm“, das Refurbished-Ware inklusive Garantie anbietet, finden den Weg zum Kunden.

Ein verändertes Konsumverhalten aufgrund des Klimawandels sei neben den pandemiebedingten Umständen – geringerer Bedarf aufgrund Schulschließungen und weniger Sportevents – besonders bei der Bekleidung bemerkbar, so Hansjürgen Heinick vom IFH Köln. „Second Hand dürfte künftig mehr oder weniger deutlich an Bedeutung gewinnen und auch auf andere Segmente, wie etwa Kinderwagen, abstrahlen.“ Die Treiber des Second Hand-Booms sind neben dem bewussteren Konsum die Digitalisierung, so eines der Erkenntnisse der IFH Köln-Studie „Nachhaltigkeit in der amazonisierten Welt“. Mithilfe verschiedener Apps und Services wird etwa der Handel mit gebrauchter Kleidung zum relevanten Umsatzfaktor.

Farbe und Form: Keine großen Experimente

Im Bereich Produktgestaltung und Farbtrends ergibt sich beim Gang über die Kind + Jugend dieses Jahr vielleicht kein ganz neutrales Bild, da die großen Unternehmen weitgehend fehlen. Die anwesenden Labels zeigen viele Boutique-Artikel, die sciher etwas spitzer in ihrer Farb- und Formgebung sind als die Ware, die international in großer Menge funktionieren muss und somit von Haus aus zurückhaltender daherkommt.

An den Ständen entdeckt man also viele natürliche Materialien, Peddigrohr, Sisal, Holz. Naturnahe und softe Farben, den schon länger bewährten Scandi-Look. Dinge, die das Zuhause „cosy“ machen. Keine großen formalen und farblichen Experimente also. Keine großen Ausbrüche – eher schöne und freundliche Produkte, die das Herz erwärmen sollen.

Ausblick

Die Pandemie wird uns wohl noch ein wenig beschäftigen. Ob in Form von angespannter Logistiksituation und Materialengpässen oder Digitalisierungs- und Strukturverschiebungen im Handel. Und doch wird es weitergehen und Industrie und Handel einen Weg finden, gemeinsam Kunden optimal anzusprechen. Und Messen werden auch weiterhin die Orte sein, an denen solche Themen zur Diskussion gestellt werden und alle relevanten Akteure sich zum Austausch und Weiterentwickeln treffen.

Die Koelnmesse hat mit der Kind und Jugend RE-START eben dieses Zeichen gesetzt. Und 150 Hersteller sahen es genauso: Nur zusammen bringen wir die Branche vorwärts.