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The tough get going

The tough get going
J. Meister

Aus anfänglicher Schockstarre erwächst peu à peu Aufbruchstimmung – wenn auch noch mit Handbremse. Corona bringt Verlierer und Gewinner hervor. Unsere Gedanken zur Situation – auch der Branche – im Podcast.

Transcript:

When the going gets tough, the tough get going.

Die Corona – Not macht erfinderisch, und der Erfindergeist erreicht eine Geschwindigkeit, die vorher nie erzielt werden konnte – nicht einmal durch den Druck von Klimaprotesten. Die derzeitige Situation ist dem Einzelnen wohl doch näher und spürbarer als ein abstrakter Kollaps in unbestimmter Zukunft.

Dass Deutschland nie der progressivste Markt war, ist wohl ein offenes Geheimnis. Breitbandausbau, Digitalisierung und E-Commerce sind seit Jahren Buzzwords, wenn das Thema die deutsche Behaglichkeit ist.

Kreativität bis hin zum Aktionismus

Erstaunlich also, wie das erzwungene Schließen aller Ladengeschäfte und der abrupte Stillstand internationaler Lieferketten nun adhoc kreative Lösungen gebiert. Als hätten Firmen nie etwas anderes gemacht, als kreativ mit ihren Potentialen umzugehen.

Natürlich hier und da überhastet und konfus – aber die generelle Marschrichtung scheint „Zukunft“ zu sein.

Die Utopie erfährt ein Revival. Vor drei Wochen noch wollte niemand ein positives Zukunftsbild entwickeln – mit Ausnahme der Geeks, die das Heil für alle Missstände generell in technischem Fortschritt sehen. In Literatur und Film hatten Dystopien Konjunktur. Der dystopische „Point Zero“ hier in Deutschland war wohl um den 13. März. Als allen recht schnell bewusst wurde, welche Ausmaße Corona hat. Schnell machen Artikel wie der des Zukunftsforschers Matthias Horx die Runde, die die kathartische Wirkung des „Nullens“ in den Vordergrund stellen. Prinzip Hoffnung auf die Chance einer besseren Welt.

Endlich echter „Purpose“

Unternehmen entwickeln im Handumdrehen ein neues Bewusstsein – für sich selbst, aber auch für ihr Marktumfeld. Agieren erscheint plötzlich sinnstiftend, und aus der sprerrig – aufgesetzten Purpose – Diskussion der Nachhaltigkeitsbewegung mausert sich die wahre Sinnfrage inklusive konsequenter Umsetzung. Nicht nur zum Selbstzweck natürlich: Wer jetzt Zusammenhalt, Altruismus, neues Denken und Flexibilität demonstriert, ist nach der Krise um Welten attraktiver am Arbeitsmarkt als ideenlose Besitzstandswahrer.

Webdesigner, Hoster und Payment Provider haben Hochsaison: Nie entstanden in kürzester Zeit so viele Onlineshops von lokalen Ladengeschäften, die unkomplizierte Bestellabwicklungen anbieten – und sogar Kundenkommunikation nebst Bestellung via Whatsapp, Mail, Telefon und Instagram – Nachricht offerieren.

Ladenbesitzer – auch großer Ketten – die bislang das Internet als temporäre Erscheinung verteufelten, mutieren zu Webshop-Evangelisten. 

Auch manche Produktsegmente sind eher auf der Sonnenseite der Krise: Gartenspielgeräte, Kinderbeschäftigung, Büroartikel und Küchen-Convenience verspüren Aufwind, während Kategorien wie „Reiseartikel“ wohl länger Ladenhüter bleiben werden.

Auch innerhalb eines Segmentes – besonders gut sichtbar in der Spielware – gibt es große Unterschiede über die Verkaufskanäle hinweg: Fachhändler halten den stationären Handel geschlossen, LEH und Drogisten, teils auch Spielwaren-Vollsortimenter, sind Gewinner der Situation und haben nur das eigene Lager als Limitierung.

Krisen produzieren Gewinner und Verlierer

Natürlich produzieren Krisen immer Verlierer und Gewinner. In Zeiten genereller Verunsicherung haben Ideen eine Chance, die „in der Luft liegen“ – die also greifbar und anwendbar sind und einen Schritt aus dem dysfunktionalen System anbieten. Das treibt teils irre Blüten: Konservative und liberale Kräfte propagieren plötzlich das bedingungslose Grundeinkommen und „Helikoptergeld“, Fondssparen und aktienbasierte Kapitalabsicherung ist erstmal Makulatur, internationale Verflechtungen und Abhängigkeiten kommen auf den Prüfstand, Berufsgruppen, die in Hoch-Zeiten in kapitalistischen Systemen eher als Ballast wahrgenommen werden, sind plötzlich systemrelevante Stützen. Minderbezahlt. Und Landwirte können ihre Ernte nicht wie gewohnt mit Saisonarbeitern aus Osteuropa einholen, sodass in den Stillstand gezwungene Angestellte einspringen, und von jetzt auf nun „Purpose“ verspüren.

Zusammenrücken trotz Sicherheitsabstand

Trotz „social distancing“ entstehen ungeahnte Kollaborationen und Nähe. McDonalds unterstützt Aldi mit Verkaufspersonal, Jägermeister verkauft Alkohol für Desinfektionsmittel, auch der Spielwarenhersteller Zimpli Kids stellt auf Desinfektionsmittelproduktion um, Trigema stellt Schutzmasken her, sämtliche Discounter werben gemeinsam und ziehen an einem Strang, anstatt sich gegenseitig Kunden abzugraben. 

Volle Bandbreite – auch in der Spielware

Ein Blick auf unseren Kinderartikel – Mikrokosmos zeigt, dass die ganze Bandbreite an Reaktionen auch im Kleinen vorhanden ist:

Die Einen verharren in Schockstarre und sind mit dem Rücken an der Wand aufgrund ihrer Zwangslage.

Die Anderen beginnen, auf Glatzen Locken zu drehen.

  • Ein Schreib- und Spielwarenhändler in Oberbayern nimmt telefonisch Bestellungen entgegen, die er dann kontaktlos in Tüten auf eine Gartenbank in seinem Hinterhof legt – die Bezahlung erfolgt via Einwurf in den Briefkasten. Ein Konzept, das aufgeht, da Eltern so schnell gerade nirgends an diese Bedarfsartikel kommen.
  • Der Spielwarenhändler Beckmann Henschel aus Niedersachsen fährt seine Bestellungen im Umkreis selbst aus – und berichtet auf Facebook über die große Akzeptanz der lokalen Kunden.
  • Lehrer und Schüler machen Crashkurse im E-Schooling, mit durchwachsenem Erfolg aber der Offenlegung systemischer Schwachstellen.
  • Hersteller von Spielware entdecken ihre Qualitäten als Dienstleister und Content-Anbieter.
     
    So stampft Ravensburger ein durchaus besuchenswertes Online-Angebot #athomewithravensburger aus dem Boden, das neben dem Sortiment auch viele Services und Non-Profit – Angebote feilbietet.
    Playmobil erklärt in animierten Videos Kindern das aktuelle Geschehen und bietet seit Freitag auch eine tägliche #stayhome Challenge für Kinder an.
    Der Digitalanbieter Fox & Sheep, eine Tochter der HABA Firmengruppe, ruft #shareonecopy ins Leben – um Kinder zu Hause sinnvoll zu beschäftigen.
    Dieser Intention folgt auch der WDR, der sein wertvolles TV-Angebot für Kinder mittlerweile täglich anstatt wöchentlich ausstrahlt.
    Der Hörspiel und -buchanbieter tigermedia öffnet sein Angebot auch für Nichtkunden zeitlich begrenzt kostenfrei.
    Die Lernmitteldesignerinnen Geschwister Löwenstein stampfen das tägliche Angebot „Quarantänekids“ aus dem Boden, das Kinderaktivitäten in frischem Gewand anbietet.
    Der Spielarenhersteller Tic Toys versendet kostenfreie Spielwarenpakete an Familien in Quarantäne, damit diese nicht dem Hospitalismus anheim fallen.

Nach und nach formieren sich auch handelsseitig Kräfte, und größere Konzepte ruckeln sich zurecht: 

Da Amazon an Kapazitätsgrenzen stößt, und manche Warengruppen mit niedriger Priorität – wenn überhaupt – versenden kann, werden alternative Kanäle aus dem Boden gestampft.
 

  • Handelskooperationen und -verbände bringen sich für eigene Kanäle in Stellung,
  • Webshops von Filialisten mit (noch) stabilem Vertriebsnetz werden zu Plattformen aufgebohrt,
  • Pro Sieben Sat 1 nutzt seine Reichweite in die Wohnzimmer, um den Pop-Up Onlinestore Stay home and Play für Spielwaren aus ungeahnter – und ohne Corona wohl unmöglicher – Richtung ins Leben zu rufen. Mehr dazu hier.

Die Veränderung ist sicher

Sicher ist: Die Handelslandschaft wird Ende 2020 eine Andere sein. Deutschland wird wohl einen gehörigen Schritt digitaler funktionieren. Es wird neue lokale Player geben, bislang ohnehin starke digitale Player zementieren ihre Position weiter und bauen sie noch aus – und Händler, die bereits vor Corona Schwierigkeiten hatten, mit Veränderungen Schritt zu halten, werden weiter an Boden verlieren.

„Lokal und Regional“ – ohnehin ein Trend aus der Nachhaltigkeitsbewegung – erfährt gerade Stärkung, da Lieferketten überschaubarer und stabiler sind – und es ist zu hoffen, dass das Gefühl des Miteinander über Corona hinaus trägt.

Konzepte für ein alternatives Wirtschaften liegen parat. Die Wirtschaftswelt wie wir sie kannten wird es Ende 2020 wohl nicht mehr geben. Akteure mit neuen Ideen bringen sich gerade in Stellung. Es bleibt spannend. Es ist die Zeit zu gestalten.

Und auch wenn Olympia erst ein Jahr später stattfinden wird: Mögen die Spiele beginnen!