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Quadratur des Kreislaufs

Quadratur des Kreislaufs
J. Meister

Eins vorweg gesagt: Als dieser Beitrag entstand war Corona noch eine Sache, die im entfernten Wuhan stattfand. Es war eine Zeit, in der der Gedanke an Umweltfreundlichkeit Debatten dominierte. Erinnern Sie sich? Ja, genau: Die alte Leier von Nachhaltigkeit… Vielleicht kommt sie ja wieder. Im neuen Jahr.

 

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Denken wir das Ganze doch mal vom Ende her.

Ich weiss – „Ende“, werden Sie als nachhaltig denkender Mensch sagen, „das gibt es nicht, wenn man in Kreisläufen handelt. Das ist alte, lineare Denke.“

Ja, Recht haben Sie. „Aber trotzdem!“ würde meine Tochter sagen. Und damit das Totschlagargument liefern, das alle Eltern dann und wann dazu bewegt, einfach „trotzdem“ zu machen. Des Friedens wegen.

Das Ende also. Was von uns übrig bleibt:

Was werden Archäologen dereinst wohl von uns finden? (Gehen wir einfach mal davon aus, es gibt dann noch humanoide Archäologen, die Interesse daran haben, was wir so getan haben)…

Von uns persönlich: Wohl mehr als von vorhergehenden Generationen. Ein paar Stücke Magnesium, vereinzelt Titan und Edelstahl, wenn man Glück hat ein bisschen Gold, Amalgam und etwas Elektroschrott. (Wie ist das eigentlich mit der Elektroschrottverordnung bei Schrittmachern?)

Weit mehr bleibt der Nachwelt wohl von unseren alltäglichen Habseligkeiten erhalten. Paradoxerweise. Halten sie doch weit weniger lang als die Güter früherer Generationen. Also „Halten“ im Sinne von „in unseren Augen von Wert und Nutzen sein“. Erhalten bleiben die Sachen uns schon.

Nachhaltig.

Noch so ein Begriff, den man sinnverkehren kann. Nachhaltigkeit im originären Sinne nämlich wäre das Gegenteil: Die Umwelt so zu hinterlassen, dass die nachfolgende Generation die gleiche Ausgangssituation vorfindet. Dieser Zug – so viel ist sicher – ist abgefahren. Wäre es immer nur der Zug gewesen (und nicht auch mal Kreuzfahrtschiff, Flugzeug oder Sportauto), dann könnte man vielleicht noch leichter aufspringen bei der Anfahrt. 

So müssen wir unsere Beine aber schon ganz schön in die Hand nehmen. Schnell sein. Wie unsere Mode. Oder Nahrungsaufnahme. Oder Lieferzeiten und Nutzungsdauern. Zu Lasten der Nachhaltigkeit. Oder zugunsten. Je nachdem, ob man damit „Impact“ oder den besagten originären Sinn meint.

Ach – da waren wir ja schon mal. So schließt sich der Kreis.

Was also bleibt übrig? Und wie können wir die Menge der Übrigbleibsel kleiner machen?

Das Plastik, davon können Meerestiere ein Lied singen, macht sich durch Salz und Wellenbewegung von selbst kleiner. So klein, dass Fische es schlucken können und Kunststoffe Tiermägen füllen. Zero Calories. „Kleiner“ meint also nicht den Bezug auf das Volumen des Einzelteils, sondern das Gesamtvolumen.

„Neue Kunststoffe!“ Ist eine Idee. Well played. A propos: Unser Feld ist ja das Spielzeug. Und da wäre es ja irgendwie nicht so gut, wenn sich die Spielware aus neuem Plastik durch UV-Einwirkung, Schweiss und Speichel zersetzt. Anfängt, Nährboden für Keime zu sein. Nicht alle Biokunststoffe sind also sinnvoll. Bleiben für die meisten Fälle also die nicht-erdölbasierten, nicht biologisch abbaubaren. Ein paar davon haben es ja schon in die Spielware geschafft. PE auf Zuckerrohrbasis zum Beispiel. Von Zuckerrohrplantagen aus Südamerika. Ex-Weidefläche, Ex-Ex Urwald. Jetzt Monokultur. Und das Fischmagenproblem bleibt trotzdem bestehen. 

„Ja“, könnte man sagen, „dann kippen wir das Zeug doch einfach nicht mehr ins Meer!“

So wird ein Schuh draus. Oder zumindest die Sohle. Potentiell. Denn die kann, was die Kunststoffqualität angeht, geringer sein als die von Spielwaren. Klassisches Downcycling. Sofern die Kette nach dem Primär – Lebenszyklus fortgesetzt wird. Und genau hier hakt das System: Die schieren Mengen an Misch- und Spezialkunststoffen können gar nicht recycelt werden. Weil die Strukturen mangels Rentabilität nicht existieren. Neue Kunststoffe sind einfach spottbillig. (Ja – die Preissteigerung und auch der Preisdruck des Marktes sind mir durchaus bewusst) – und Recycling kostet Energie, Manpower und somit Geld. Mit einem minderwertigen Kunststoff als Resultat. Wir sind schon sehr verwöhnt, was unsere Hochleistungskunststoffe angeht, die bereits 70 Jahre technische Finessen intus haben.

Die weit naheliegendere Idee wäre, einfach weniger zu produzieren. Langlebiger. Reparierbar. Vererbbar. Immaterieller. Hach – war das anno dunnemal nicht schön, als Kinder noch bis ins Alter von 14 Jahren (wenn sie dann endlich arbeiten gingen) mit Puppe, Murmeln und Treidelreifen spielten? Und die waren doch auch glücklich. 

Okay – in dieser Radikalität offensichtlich auch keine Lösung. Für Produzenten und Händler wäre Wachstumsrücknahme wohl nur semi-attraktiv.

Dann ein Vorschlag zur Güte von mir:

Vielleicht sollten wir uns vor dem Produzieren neuer Güter überlegen, was davon übrigbleibt. Und wie wir das minimieren. Die Ansätze gibt es: Rezyklierbare Monomaterialien – und Unterstützen der Rückführung in Kreisläufe. Vermeiden unnötiger Verpackungsteile – und Zweitnutzen für die Packung, die unvermeidbar ist. Anbieten von Reparaturservices und Ersatzteilen (und entsprechende Konstruktion von Spielzeugen). Etablieren von Zweitmärkten und Refurbished-Ware. Denn die Nutzungsdauer, wir hatten’s eben davon, ist ja eher überschaubar. Erstellen von Energie- und CO2-Bilanzen für den eigenen Impact – und Ausgleich dessen. Unterstützung der Materialforschung für umwelt- und produktgerechte zukunftsfähige Materialien.

„Hm – aber doch schade, wenn dann gar nichts mehr von uns übrig bleibt“, sagen Sie, „man möchte ja schon irgendetwas der Nachwelt hinterlassen.“

Aber ganz ehrlich: Es gibt bessere Hinterlassenschaften als Kunststoffteile. 

Aber wem erzähl ich das. Wissen Sie ja längst. Schließlich war es ja ich, der Sie eingangs zu diesem Gedankenspiel genötigt hat. 

Aber trotzdem: Vergegenwärtigen der Hinterlassenschaften – bereits vor Produktion – lohnt sich. Nicht nur für Archäologen.

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

(aus: Hermann Hesse, Stufen)