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Nachhaltig spielen: bio!TOY Konferenz

Nachhaltig spielen: bio!TOY Konferenz

Nachhaltigkeit und das Verwenden nachwachsender Rohstoffe für Spielware, so möchte man glauben, sei ein „No-Brainer“, also ein Thema, das keiner weiteren Erklärung bedarf.

Doch so brisant und aktuell das Thema ist, so kontrovers ist es.

Enthusiasten und Strategen

Obwohl das Feld der „Biokunststoffe“, also der nicht-erdölbasierten Kunststoffe, vergleichsweise jung ist, ist es bereits sehr heterogen und unübersichtlich. An allen Ecken und Enden wird entwickelt und geforscht. Vor allem Unternehmen, die in der Petrochemie zuhause sind, spielen hier eine große Rolle. Klar, sie haben das nötige Spielgeld zum agieren – und zum Abstecken des Spielfeldes. So fällt es ihnen leichter, neben der erdölbasierten Kunststoffe auch Produktlinien auf nachwachsender Basis aufzubauen. Rührig sind aber auch kleinere Anbieter von biobasierten Lösungen. Diese jedoch, so macht es den Anschein, verlieren sich oft im Klein-Klein, und sind teils recht unnahbar in der Zusammenarbeit mit der verarbeitenden Industrie.

So war der Kongress „bio!TOY“, der am 27. und 28. 3. stattfand, eigentlich längst überfällig.

Zur Veranstaltung versammelten Michael Thielen (Herausgeber bioplastics magazine) und Harald Kaeb (GF Narocon) also einen Großteil aller derzeit aktiven Players zum Austausch in Nürnberg.

Sowohl Kunststoffproduzenten als auch Spielwarenhersteller fanden sich zum zweitägigen Kongress ein.

Vorträge und Anschauungsmaterial

Die Teilnehmer hatten auf der bio!TOY die Möglichkeit, sich umfassend über den Stand der Technik sowie die neuesten Entwicklungen auf dem Spielwarensektor zu informieren. Zahlreiche Vorträge warfen zu diesem Zwecke Schlaglichter auf verschiedene Aspekte des Themas „alternative Materialien“. Flankiert wurden die Präsentationen von Informationsständen der Materialhersteller, die ihre Cases aus der Spielzeugwelt zur Schau stellten.

Schnell wurde klar, wie vielschichtig die Thematik ist – und wie hoch teilweise auch die Hürden sind, die die Industrie davon abhalten, progressiver Spielware aus nachwachsenden Rohstoffen auf den Markt zu bringen.

Die richtigen Worte finden

Bereits die ersten Vorträge zeigten, wie unterschiedlich das Vokabular der verschiedenen Marktteilnehmer ist. Schnell schwirrte so manchem Teilnehmer der Kopf: Was sind nun biobasierte Kunststoffe, was Biokunststoffe? Was sind Drop-Ins? Welche Kunststoff-Familien sind biologisch abbaubar, und welche rezyklierbar – und wie verhält es sich mit Blends und Mischkunststoffen?

Der kleine Markt der alternativen Kunststoffe ist vielfältig – und vielfältig sind auch die Arten des Umgangs mit dem Thema.

Anwenderberichte

Vor Ort waren neben den Materialherstellern auch erfahrene Anwender – meist kleinere Spielzeughersteller, die sich ausschließlich nachhaltig positionieren. bioblo, eKoala und tic toys beispielsweise berichteten von den Herausforderungen, denen sie sich mit ihrer Strategie stellen müssen: Dass die Bereitschaft, für Nachhaltigkeit mehr zu bezahlen, oft nur Lippenbekenntnis von Konsumenten ist. Dass die Suche nach dem richtigen und sicheren Material sich als sehr schwierig – und leider seitens der Materialhersteller oft mangels Relevanz der Projekte unkooperativ erweist. Dass das Konsumentenverständnis noch nicht vorhanden ist. Und dass viel Enthusiasmus und zum gewissen Grad auch eine Wette auf die Zukunft die Unternehmer antreibt.

Große Hersteller, so scheint es, warten derzeit noch ab, wohin die Reise geht.

Einzig Lego hat eine Langzeitstrategie weg von fossilen Kunststoffen propagiert – und startete unlängst modellhaft mit einer Drop-In-Lösung in kleiner Skalierung. So lässt die Aussage von Nelleke van der Puil, VP of Materials bei LEGO, viel Deutungsspielraum. Sie erklärt, kommerzielle, chemische, nachhaltige und technische Kriterien müssten eben in Einklang kommen und sich die Waage halten. So sei es ein ehrgeiziger Plan, bis 2030 die Kernprodukte nachhaltig zu gestalten – wobei es derzeit noch keine tragfähige Lösung für die Steine des Herstellers gibt.

Veranstalter: Harald Kaeb (narocon), Michael Thielen (bioplastics magazine)

Leuchttürme gesucht

Natürlich ist es einfach, die zu kritisieren, die sich aus der Komfortzone bewegen, und somit Angriffsfläche bieten. Andere Branchengrößen, die teils als Teilnehmer auf der bio!TOY waren, halten sich dagegen lieber im Hintergrund, und betrachten das Geschehen zunächst aus der Ferne.

Dabei bräuchte es, um wirklich relevante Schritte zu gehen, wohl vor allem sie, um Leuchtturmprojekte zu starten, und Materialien spielwarenfähig zu machen. Kleinere Hersteller, so zeigen es die Referenten, haben hierzu einfach nicht die nötigen finanziellen Mittel.

Materialanbieter tun sich mit der sensiblen Produktgruppe der Spielwaren ohnehin schwer, da die Produkte chemisch und mechanisch einiges von den Werkstoffen abverlangen – und das Volumen ist im Vergleich zur Verpackungs- oder Lebensmittelindustrie überschaubar. So ist es wohl kaum erwartbar, dass diese Seite sich bewegt…

Einflüsse von außen

…es sei denn, äußere Faktoren verändern sich. Und das ist mehr und mehr wahrscheinlich:

Auf der einen Seite sind da Regulierungsbehörden, die Kunststoffe einzudämmen versuchen. Erste Schritte wurden mit der Plastikverordnung bereits auf den Weg gebracht, und weitere könnten bald folgen.

Die andere Seite bilden die Konsumenten. Die Generationen Y und Z sehen ihre Felle davonschwimmen: Die Alten haben’s vergeigt. Und so gehen sie auf die Straße und postulieren Umbrüche, um Klimaziele einzuhalten und eine möglichst lebenswerte Zukunft zu sichern.

Auf eine dritte Möglichkeit, nämlich eine Wachstumsrücknahme, angesprochen, reagieren die Polymerhersteller auf der Konferenz erwartungsgemäß reserviert: Natürlich sei Wachstum das oberste Ziel, ganz nach dem „Cradle to Cradle“-Motto, mehr Gutes zu produzieren, täte dem Gesamtsystem gut, so François de Bie vom Joint Venture Total Corbion. Martin Clemesha vom brasilianischen Erdölkonzern Braskem, ergänzt zustimmend, dass sein Herkunftsland erst noch das Wachstumspotential auf ein europäisches Niveau ausschöpfen möchte, sodass man über Konzepte wie Wachstumsrücknahme nicht nachdenke. Beide Konzerne ergänzen ihr herkömmliches Materialportfolio durch Biokunststoffe.

Einheitliche Marketingstrategie

„Toys go bio – a perfect match“ titelten die Konferenzveranstalter auf ihrer Einladung.

Eine Studie der Trend Researcher AIJU bestätigen das: Eltern sind sehr sensibel, was die Spielwaren ihrer Kinder angeht. Je jünger das Kind, desto umsichtiger.

Neben der Materialität legen sie Wert auf Transparenz und soziale Belange. Sie verstehen sich mit ihrem Konsumverhalten als öffentliches Korrektiv. Millennial-Eltern sehen ihren erzieherischen Auftrag vermehrt darin, auf Missstände hinzuweisen, aktivistischer zu werden, Werte zu vermitteln, Konsum zu hinterfragen.

Shared Economy und Reparierbarkeit sind Schlagworte, die der jungen Elterngeneration geläufig sind.

Neue Elterngenerationen hinterfragen Globalisierung, präferieren „handmade finishes“ und augenscheinlich ökologische Materialien. Sie vertrauen dem lokalen Handwerker mehr als der Industrie.

Das zeugt einerseits von Bewusstsein für die Probleme, andererseits aber von großer Unsicherheit und Mißtrauen gegenüber der Produktwelt.

Was Spielwaren- und Rohstoffproduzenten daraus lernen können – und was auch die bio!TOY eindrücklich zeigt: Wir müssen ein gemeinsames Vokabular finden, eine konsistente Kommunikationsstrategie, die sich nicht hinter Worthülsen versteckt. Es braucht einen Weg, Konsumenten abzuholen und hierdurch einen Pull-Effekt zu induzieren. Dass dies nicht allein Sache der Spielwarenproduzenten sein kann liegt auf der Hand.

Braskem hat hierfür eine sinnfällige Strategie in peto: Unter dem Label „I’m green“ vermarktet das Unternehmen sein Bio-PE, und Produzenten, die das Material nutzen, dürfen das Label ebenso benutzen. So ist schnell nachvollziehbar, was vom Rohstoff bis zum Konsumenten getragen wird – und interessierte Nutzer können sich über die Inhaltsstoffe informieren.

Auch FKuR, spezialisiert auf biobasierte und abbaubare Kunststoffe, fokussiert sich auf den Aspekt des Marketing. Patrick Zimmermann, Managing Director im Unternehmen, fasst es kurz und prägnant zusammen: „Kein Marketing, kein Erfolg!“

Anwender biobasierter Kunststoffe müssen USPs definieren und die Vorteile hervorkehren anstatt des Preises. Als Beispiel nennt Zimmermann dantoy, wo die ganze Wertschöpfungskette transparent gemacht wird und die Nachhaltigkeit zentraler Punkt der Kommunikation ist. Auch Ferbedo und die jüngste „Flucht nach vorn“ des Unternehmens sei positiv zu bewerten, da die Materialwahl das Unternehmen aus dem Wettbewerb heraushebt, und man sich als „1st mover“ und innovativer Qualitätshersteller etablieren kann.

Der erste Schritt ist getan

Die bio!TOY markiert wohl den Anfang einer langen Reise, bei der verschiedene Akteure in unterschiedliche Richtungen ziehen. Sie versammelt innovative und mutige Unternehmen – die natürlich auch gewinnorientiert denken. Sie zeigt, dass noch viel Klärungs- und Entwicklungsbedarf in dem jungen Pflänzchen „nachhaltige Spielware“ steckt – und versucht, Optimismus zu verbreiten in einer immer verfahreneren Situation.

Hier treffen best practices auf noch zu nehmende Hürden, hier treten gemeinsame Ziele, aber auch Herausforderungen und Differenzen zutage. Und genau deshalb ist die Konferenz wertvoll und wichtig. Um Unentschlossenen Mut zu machen neue Wege zu gehen, und mit gutem Beispiel voranzugehen.

Gerade bei denen, die dies aufgrund ihres Marktvolumens könnten, bleibt zu hoffen, dass sie sich ihrer Verantwortung und Aufgabe gewahr sind – und in Kauf nehmen, dass Kleinere dann in ihrem Fahrwasser mitschwimmen können. Nicht zuletzt der Zukunft wegen.

 

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